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zu Misericordias Domini,
Costa del Sol

(Prädikantin Stiftel)

Misericordias Domini, 4. Mai 2003

Thema: Der gute Hirte.

Liebe Gemeinde, liebe Brüder und Schwestern,

seit vielen Jahren leben mein Mann und ich hier in Andalusien. Wir erkundeten das Land, sprachen mit den Menschen in den Dörfern.

Auffallend waren die Schaf- und Ziegenherden im Inneren des Landes. Die Herden ziehen mit ihren Hirten und den Hütehunden durch das Land, über die Berge, durch die Täler. Reiche Nahrung finden sie eigentlich nur im Frühjahr und im Winter. Wir, mein Mann und ich, machten schon einmal Rast bei den Hirten, wenn diese am Wegesrand saßen und in aller Ruhe ihrer grasenden Herde zusahen. Die Hütehunde hielten die Tiere zusammen. Der Hirte saß, mit sich und der Welt zufrieden, am Wegesrand. Für ihn war die Welt in Ordnung. Bei einer Unterredung, die ich mit einem Hirten hatte, erfuhr ich etwas aus der Geschichte Spaniens. Hirten und ihre Herden genossen im Mittelalter hohes Ansehen bei den Königen.

Sie brachten Geld ins Land mit der Wolle ihrer Schafe. Es gab riesige Herden zu dieser Zeit. Damit die Schafe nun genügend Nahrung hatten, erließ ein König vor rund 800 Jahren das erste Gesetz zugunsten der Mesta, der Schafzüchtervereinigung, die es damals schon gab.. Um Schwierigkeiten mit den Bauern auszumerzen, wurden die ersten Wege für die Wanderung, der Trashumancía, der Schafe festgelegt. Weitere Wege kamen nach und nach hinzu. Diese Wege wurden der Mesta für ewige Zeiten zugesprochen. Sie waren für die Schäfer bis Ende des 19., Anfang 20. Jahrh. von großer Wichtigkeit. Die Wolle ihrer Schafe ging hauptsächlich nach Flandern. Im Frühjahr wanderten die Herden vom Süden, von Andalusien und den Extremaduras in den kühleren, feuchten Norden, wo es mehr Nahrung für sie gab. Im Herbst zogen sie zurück in den Süden. Die großen Wanderungen gibt es heute nicht mehr. Die Wege aber gehören immer noch der Schafzüchtervereinigung. Einige Herden wandern heute noch auf diesen Wegen, obwohl es nicht mehr so einfach ist. Autobahnen und Nationalstraßen müssen überquert werden. Der Weg führt manchmal durch Großstädte z. B. durch das Zentrum von Madrid. Inzwischen sind diese Wanderungen auch touristische Atraktionen. Die Hirten wandern in ihrer traditionellen Tracht. Es gibt Musik und es wird auch einmal getanzt. Immer aber achten die Hirten auf ihre Tiere und immer helfen ihnen als Assistenten ihre treuen Hunde dabei.

Schon im Alten Testament wurde der Hirte erwähnt als Bild für Gott, wie wir es z.B. im Psalm 23 gehört haben. Der Hirte diente auch als Bild des Königs und der Obrigkeit (2. Samuel 7, 7). Den Führern des Volkes Israel wurde z.B. vorgeworfen, sie hätten ihr Hirtenamt vernachlässigt (Jer. 2, 8). Jesus führte diesen Gedanken fort. Er war zum Tempelweihfest, dem Chanukkafest, nach Jerusalem gekommen. Er hielt sich im Tempel auf, ging dort herum und redete mit den Menschen. Die Juden umringten ihn und forderten ihn drohend auf, endlich zu sagen, ob er der Messias sei. Jesus antwortete ihnen mit dem Gleichnis vom "Guten Hirten".

Ich lese aus dem 10. Kapitel des Johannesevangeliums: Johannes 10,11-16

11 Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte läßt sein Leben für die Schafe. 12 Der Mietling aber, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verläßt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, 13 denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. 14 Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, 15 wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe. 16 Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muß ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.



Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte und ich kenne die Meinen. Automatisch denke ich an den 23. Psalm: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." Er sorgt also dafür, dass ich genug zu essen und zu trinken habe. Er lässt mich nicht allein. Er behütet mich wie ein Hirte seine Herde behütet und zusammenhält. Auch in finsteren Momenten meines Lebens wird er mir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Es kommt also nur darauf an, sich in die Obhut dieses Hirten zu begeben. Kann ich ihn bitten, an meiner Stelle auch das mit dem Herzinfarkt zu übernehmen oder das mit dem Brustkrebs? Was bedeutet für die Gemeinde Jesu Christi dessen Tod und dessen Auferstehung?
Schafe sind weithin orientierungslos. Ein Hund findet den Weg nach Hause. Mein Vater erzählte mir von seinem Schäferhund, den er Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts wegen seiner Arbeitslosigkeit verkaufen musste. Der Hund stand am nächsten Tag vor seiner Tür, obwohl er nicht zu Fuß zu seinem neuen Besitzer gekommen war, sondern mit dem Autobus. Schafe kehren niemals zurück, wenn sie sich verirren. Es ist notwendig, dass der Hirte sie sucht. Ich höre schon den Aufschrei: "Ich bin doch kein Schaf!"
Haben die Menschen vielleicht zuviel schlechte Erfahrungen mit Hirten gemacht? Mit Lohnhirten, wie Jesus sie nennt. Die davonlaufen, wenn es ernst wird. Bezahlte Hirten, angestellte Hirten. Das Fell ist ihnen wichtig, der Lohn, aber doch nicht das Schaf. Wenn die Wölfe kommen, schnappen sie sich ihre Sachen und hauen ab. Wenn die Wölfe kommen, heulen sie mit, stoßen am Stammtisch in die offene Wunde und verteilen das Fell unter die Räuber.
Man muss schon aufpassen - unterscheiden, hören, Stimmen unterscheiden, auf Nuancen hören. Gottesdienst, Gebet - das ist Gehörschulung, damit ich hören kann, ob es nur einer wirklich gut mit mir meint, oder ob er mich benutzt, verführt, missbraucht, ausnimmt, verrät und verkauft - und das alles noch mit dem Anspruch, er wolle mir etwas Gutes tun. Das ist natürlich fatal. Da bin ich einmal bereit, mich anzulehnen und zu vertrauen, und dann wird mir das Fell abgezogen.
Hört genau hin, sagt Paulus, unterscheidet die Geister, trottet nicht jedem hinterher, nur weil er euch Recht gibt. Die Wahrheit ist viel Wüste und wenig Oase. Die Wahrheit ist viel Weg und wenig zuhause. Es wird gestorben. Es wird gelitten. Es wird gekündigt und gequält. Wer euch das Paradies auf Erden verspricht, verschweigt das Kleingedruckte. Dein Paradies - unter diesen Bedingungen - ist nur möglich auf Kosten anderer.
Jeder Rentner und jede Rentnerin, die zwischen 600 und 1000 Euro Rente bezieht, Miete bezahlen muss, eine große Familie hat, von denen einige Personen arbeitslos sind, wird das verstehen. Jede alleinerziehende Mutter, die weiß, entweder bleibe ich meinem Kind Zeit schuldig oder einen Urlaub oder ein Fahrrad, wird das verstehen.
Träume sterben, Pläne werden zunichte. Wege trennen sich , Lösungen werden komplizierter. Unterscheiden wir, wer es gut mit uns meint.

"...und das habt zum Zeichen." Die Hirten auf dem Feld von Bethlehem sind zu Tode erschrocken über den offenen Himmel. Und der offene Himmel schenkt ihnen zum Trost ein Zeichen. Da ist ein Stall mit einer Futterkrippe, da ist Armut, Geblöke, vielleicht Flucht. Das habt zum Zeichen. Das Zeichen des Kreuzes ist aufgerichtet vom ersten Schrei des Neugeborenen bis zum letzten Schrei des Gottverlassenen auf Golgatha. Das habt zum Zeichen: "Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt, und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe."
Der gute Hirte stellt sich vor die Schafe. Er macht keine gemeinsame Sache mit den Wölfen, stirbt, damit sie leben. Ist das Vertrauen darauf vielleicht gerade der Schlüssel für die Erfüllung meines Lebens? Die ganze Schau lassen. Zugeben, dass ich den Hirten brauche, dass ich Gott brauche. Und das mir dieses Brauchen keinen Zacken aus der Krone bricht.

Ich glaube, unser Herr Jesus hat sich wie die Hirten bei der Trashumancía auf der Erde einige Assistenten geholt, die ihn beim Beschützen der Schafe unterstützen.
Einige Beispiele: der Apostel Paulus, der Kirchenvater Augustinus, Franz von Assisi, Martin Luther, Dietrich Bonnhöfer und viele mehr. Die Aufzählung könnte endlos lang werden.

Ein Beispiel möchte ich hier besonders anführen: Oskar Arnulfo Romero, Erzbischof der Landeshauptstadt von el Salvador. Er stammte aus ärmlichen Verhältnissen, hatte aber nach dem Urteil der reichen, zu seiner Zeit herrschenden Oberschicht einen makellosen Lebenslauf. Die einzige, einem armen Kind offenstehende Möglichkeit zum Studium, das von der Kirche gewährte Stipendium in einem Seminar, hatte er genutzt und war als einer der Besten sogar nach Rom an die Gregorianische Universität geschickt worden. 1944 zum Priester geweiht, tat er 26 Jahre seinen Dienst in ländlichen Pfarreien ohne besonders aufzufallen. Er legte das Evangelium, wie von der Oberschicht gewünscht, konservativ aus. 1970 wurde er Bischof der abgelegenen Diözese von Santiago de Maria. Den Zöglingen des dortigen Seminars brachte er noch energisch Respekt nicht nur vor der kirchlichen, sondern auch der weltlichen Hierarchie bei. Erst nach seiner Ernennung zum Erzbischof der Landeshauptstadt wurden diesem stillen, in sich gekehrten Mann die Augen für die herrschende soziale Brutalität gewaltsam geöffnet. Kurz nach seiner Ernennung zum Erzbischof wurde einer seiner besten Freunde auf dem Weg zur Messe von Mitgliedern der Terrororganisation "Orden" ermordet. Diese Truppe hielt im Auftrag der Großgrundbesitzer und Armee die Landbevölkerung durch Mord und Totschlag unter Kontrolle. Pater Grande, der Freund des Erzbischofs, hatte in seiner Pfarrei gegen die Vertreibung der Kleinbauern von ihren Feldern protestiert und sie aufgefordert, sich zur Selbsthilfe zu organisieren. Erzbischof Romero verlangte von der Regierung die Bestrafung der Schuldigen - vergebens; ebenso vergebens seine Forderung nach Aufklärung von fünf weiteren Morden an Priestern und Dutzenden ihrer Pfarrhelfer, nach Aufklärung des Schicksals von über hundert verschwundenen politischen Häftlingen. Erzbischof Romero erschien bis zu seinem Tode zu keinem Staatsakt mehr.
Dafür ertönte seine Stimme während der sonntäglichen Messe in der Kathedrale immer energischer. Er schloss den Gottesdienst regelmäßig mit einer lückenlosen Aufzählung der während der letzten sieben Tage im Lande begangenen Gewalttaten. Er gewährte den Widerstandskämpfern Asyl in seiner Kirche. Er warf der regierenden Militärjunta Wahlschwindel vor. Obwohl während eines Militärputsches die Regierung wechselte, hörte das Morden, Entführen und Foltern von politisch Verdächtigen nicht auf. Auch eine versprochene Landreform für die Armen des Landes wurde nicht durchgeführt. Bei seiner letzten Predigt zog Romero die blutigste Bilanz: Es hatte innerhalb von sieben Tagen 111 politische Terrormorde gegeben. Er richtete einen offenen Brief an die USA mit der Bitte, dieses Regime nicht mehr zu unterstützen. Der Kirchensender, der Romeros Predigten ausstrahlte, wurde in die Luft gesprengt - eine letzte Mahnung der Mächtigen. Der Erzbischof missachtete sie. Ihm war klar, dass auch der moralische Schutz einiger liberaler Kreise im Westen ihn nicht mehr schützen konnten. Britische Unterhausabgeordnete hatten ihn für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
In seiner letzten Predigt forderte er die Soldaten el Salvadors auf, nicht mehr auf Bauern und Studenten zu schießen: "Im Namen Gottes fordere ich euch auf, bitte ich euch, befehle ich euch: Macht dieser Unterdrückung ein Ende!" Die Armeeführung bezeichnete diese Worte als "verbrecherische Aufforderung zur Befehlsverweigerung." Nur einen Tag später vollstreckte dann ein bezahlter Killer das in diesem Satz verborgene Urteil. Jeder wurde vernichtet, der an die Alleinherrschaft einer Handvoll reicher Familien zu rühren wagte. Am 24. März 1980 wurde Romero vor dem Altar seiner Kirche niedergeschossen. Als treuer Assistent seines Herrn Jesus Christus erhob er die Stimme für die Schafe, für die Armen und Hungrigen, ohne Rücksicht auf das Risiko. Er kannte seinen Weg und blieb seinem Glauben treu.

Ein letzte Detail, das noch einmal alle Zäune aufreißt und die Buchführung durcheinanderbringt. Der Jesus des Johannesevangeliums sagt: "Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich heranführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden."
Das beste Beispiel hierfür ist Paulus. Er war aus einem anderen Stall. Er war einer der größten Gegner des neuen Glaubens der Liebe und Vergebung. Und wie wurde er herangeführt von Jesus. Ihm wurden die Augen geöffnet. Er war einer der besten Assistenten für unseren Herrn und Heiland.
Ich weiß nicht, wie es heute ist mit den anderen Schafen. Wo stammen sie her, aus anderen Galaxien, aus dem Hinduismus, Islam oder Judentum? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, das ich meine Kleinkariertheit - er oder sie passt nicht zu uns, wir sind besser, wir sind Christen, vertraut miteinander und grenzen uns irgendwie gegen andere ab - nicht zum göttlichen Gesetz erklären kann. Dieser Hirte ist frei. Er ist die Freiheit. Wie anders könnte er lieben. Nur ein Freier kann lieben. Nur einer, der nicht in bestimmten Tabellen und Grenzen denkt, wird sich selbst opfern. Nur einer, der das Ganze fasst, kann wirklich retten.

Wir haben Kirchen gegründet, uns gespalten in die unterschiedlichsten Konfessionen: Lutheraner, Reformierte, Orthodoxe, Katholiken, Freikirchen. Auch wenn sich 342 Kirchen im Ökumenischen Rat der Kirchen zusammengeschlossen haben, so sind diese sichtbaren Kirchen niemals mit der Gemeinde, die Jesus Christus vor Augen hatte, gleichzusetzen. Diese ist immer noch größer, globaler. Von daher kann keine Kirche den Anspruch erheben, sie sei die eine Kirche. Von daher ist es um so wichtiger, die Zusammenarbeit mit anderen Kirchen fortzusetzen. Mag es innerhalb der Organisationen, der Lehrsätze und Liturgien auch noch so große Unterschiede geben. Das gemeinsame Gespräch und das gemeinsame Handeln an dem einen oder anderen Punkt (wie z.B. die klaren Worte gegen den Irakkrieg) bewahren uns davor, nur die eigene Kirche und Konfession für die einzig wahre zu halten.
Während wir noch dabei sind, karierte und linierte Schafe auszusortieren, ist der Herr längst unterwegs, die Karos und Linien zu entfernen. Christus ist weit. Sperrt ihn nicht hinter die Zäune eurer Ängste. Er ist frei. Entscheidend ist, dass wir gemeinsam mit anderen Christen auf die Stimme des guten Hirten hören. Diese Stimme kann an unterschiedlichsten Orten und in ganz verschiedenen Situationen jeweils anders gehört werden. So bahnt sich die Liebe des guten Hirten zu seinem Eigentum immer neue Wege, findet immer neue Ausdrucksformen. Und das alles nur, damit Menschen, wie und wo sie auch immer leben, merken, dass Jesus wirklich der gute Hirte ist. Er will für mich das Beste, aber eben nicht nur für mich, sondern für jeden einzelnen Menschen. Und das Beste ist - er hat dafür schon alles getan - ohne meine Hilfe.

Als Antwort auf die Stimme des guten Hirten möchte ich das Credo von Henning Schröer sprechen:

Ich glaube, dass wir glauben können und sollen,
dass in der Härte der Welt die Zärtlichkeit nicht als Schwäche,
sondern als Stärke das Leben zu wahrer Liebe verändert.
Ich liebe es zu glauben,
dass der Glaube an die Liebe der Hoffnung zarter Anfang ist,
denn die Zärtlichkeit ist die sanfte Gewalt,
die uns davon befreit, schon fertig zu sein.
Also sind wir miteinander unterwegs.
Ich hoffe, dass ich nicht allein glaube, die Liebe, die stark ist wie der Tod lässt Stille reden, wenn wir verstummen,
umfängt uns zärtlich zur Freiheit und lernt von den Engeln behutsam zugegen zu sein wie steter Tropfen am Stein.

Amen.



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Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)