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zum 17. Sonntag nach Trinitatis,
Costa del Sol

(Friedhelm Peters)

17. So nach Trinitatis, 12. Oktober 2003

Den Willen des Vaters tun

Die Erhörung der Bitte einer heidnischen Frau:
21 Von dort zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. 22 Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält. 23 Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her. 24 Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt. 25 Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir! 26 Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen. 27 Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen. 28 Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt.

Matthäus 15, 21-28


Liebe Gemeinde,

1. 'Christus ist nirgend so hart gemalt im ganzen Evangelio als hier; denn es ist über die Maßen ein hart Wort, dass der Herr sie also da hinwirft vor die Füße, lässt's bei dem nicht bleiben, dass sie kein Kind, vielmehr eine Heidin ist, sondern heißt sie einen Hund' (Luther, nach Dächsel, V, 213).
Ob man es mit diesen fast 500 Jahre alten Worten von Luther sagt oder im heutigen Deutsch als 'unmenschlich' bezeichnet: Das Ergebnis ist gleich. Die Geschichte ist schrill. Sie sperrt sich gegen unser Empfinden, unsere Vorstellung von Respekt und Achtung vor Ausländern und vor allem gegen das Bild von Jesus, der Toleranz und Liebe gegen jeden zeigte. Es passt nicht, was wir wissen und wollen zu dem, was uns hier berichtet wird. In der Presse würde so eine Geschichte gestrichen, im Fernsehen würde ein solcher Kommentar geschnitten. Die Bibel lässt das durchgehen.
Was ist der Sinn in dieser so widersprüchlichen Erzählung, bei der Jesus dargestellt wird als einer, der offensichtlich nicht heilen möchte - wo er sonst vielen die Hände auflegt - , der sich nicht der Schwachen annimmt - wo er sonst gerade die Ausgestoßenen sucht - , der nicht in Liebe jeden annimmt - wo er sonst jedem Gottes Liebe bringt. Was ist der Schlüssel?

2. Die alten Kommentare sind voll von kleinen Textbeobachtungen, die die Situation entschärfen könnten, in der Jesus eine heidnische Nichtjüdin mit ihrer Bitte auflaufen lässt.
2.1 Im Grundtext stehe nicht Hund, sondern Hündlein. Wir wissen was das für putzige Wesen sind, die unserem Herzen nah und ja auch Teilnehmende unserer Gottesdienste sind.
2.2 Jesu antwortet nicht. ER sagt nicht Ja, nicht Nein. ER sagt nichts. Das sei der Versuch, die Ablehnung nicht zur Kränkung zu machen. Und als ER doch zur Antwort gezwungen wird, 'spricht ER hier nicht: "du bist ein Hund, man soll dir nicht vom Brod der Kinder geben," sondern es sei nicht fein ... , lässt es abermal hangen, ob sei ein Hund sei oder nicht. Doch lauern alle drei Stücke stärker auf das Nein denn auf das Ja, und ist doch mehr Ja drinnen denn Nein - ja, eitel Ja ist drinnen, aber gar tief heimlich, und scheint eitel Nein' (Luther, nach Deckesel V, 214).
Doch vermögen auch solche scharfsinnigen, diplomatisch wirkenden Beobachtungen nicht außer Kraft zu setzen, dass jemand hier bei Jesus hart aufläuft entgegen aller sonstigen Praxis und Predigt von Ihm.

3. Sammeln wir zunächst, wo uns die harte Seite Jesu sonst noch begegnet.
3.1 Da gibt es die Stelle bei der Hochzeit zu Kana. Der Wein war weg und damit auch das Fest gefährdet. Es kommt die Mutter Jesu und ergreift die Chance, zu retten was zu retten ist. Sie bittet Jesus: Sie haben keinen Wein mehr. Und Seine Antwort: Es ist noch nicht die rechte Zeit.
In Worten nicht so hart. Doch für Seine Mutter vielleicht nicht weniger scharf als hier weißt ER ihr Anliegen ab. Kein Wunder jetzt.
Und wenig später tut ER es.
3.2 Da ist an anderer Stelle die harte Seite gegen den Wunsch Seiner Familie, Ihn jetzt zu sehen als ER in Seiner Heimat ist. Man sagt Ihm: Die Familie wünscht Dich zu sprechen. Und Seine Antwort: Meine Familie? Die den Willen tun Meines Vaters im Himmel, das sind Mein Vater und Meine Mutter und Meine Geschwister.
3.3 Die harte Seite Jesu zeigt sich aber nicht nur gegen andere Menschen. ER hatte sie auch gegen sich selbst. Als ER am Kreuz hing und verspottet wurde mit den Worten: Ist ER Gottes Sohn, so steige ER herab, dann wollen wir Ihm glauben! blieb ER hängen. ER schnippte nicht mit den Fingern, so dass die Nägel aus dem Holz fielen und legte sich nicht die Hand auf, damit sich die Wunden schlossen. ER blieb in Leid und Krankheit und Unrecht hängen.
Wo blieb die Liebe? Wo bleibt die Liebe zu sich selbst?

4. Wir verstehen Jesu und Seine Botschaft schon sehr viel, wenn wir auf Seine Toleranz und Fähigkeit zur Annahme blicken. Doch Seine harten Seiten, Sein Leiden und Sterben verstehen wir damit nicht mehr. ER selbst hat sich darüber nie bedeckt gehalten. Was ist Sein Innerstes? Meine Speise ist, dass ICH den Willen Meines Vaters tue. Aber nicht Mein Wille, sondern Dein Wille geschehe. Und selbst in unserer Geschichte gibt ER klare Auskunft über Seine Ablehnung: ER hat kein grünes Licht vom Vater. ER kann nur tun was ER tut. Vor der Auferstehung und Überwindung des Todes als Zeichen der neuen Herrschaft Gottes kein Schritt über die Grenze des alten Volkes Gottes. Kein neues Volk Gottes. Das kommt erst mit Pfingsten. Und es gilt: Ohne IHN könnt ihr nichts tun. Und: Ohne IHN kann auch Ich nichts tun. ICH greife Gott nicht vor. Sein Zeitplan gilt, nicht meine Vorstellung von Erbarmen.

5. Johannes hält dieses offene Geheimnis der Person Jesu an den drei wichtigen Stellen Seines Evangeliums fest: Am Anfang, in der Mitte, am Ende stehen die Worte: ICH und der Vater sind Eins, schreibt er. Das ist das Zentrum. Der Sohn tut was ER beim Vater sieht.
5.1 Jesus entfernt sich nicht von Gottes Zielen auf eigene Faust. Danke für Deine Himmelskräfte. Ich mache jetzt etwas damit. Danke für Deinen Segen. Ich setze ihn jetzt um und teile ihn aus. Danke für Deine Heilungsgabe. Ich spende sie jetzt weiter.
5.2 Geistliche Gaben ohne die Beziehungsnähe zum Geber funktionieren entweder nicht. Oder - was noch schlimmer ist - sie werden unter fremder, vielleicht sogar frommer Herrschaft benutzt. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Versuchungsgeschichte. Eine der Versucherfragen war die Anwendung des wunderbaren Wortes aus Psalm 91: Siehe, ich habe meinen Engeln über dir befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Warum damit nicht vom Tempel springen und herabschweben? Was wäre das für ein öffentliches Wunder zur Übernahme der religiösen Macht, der Gottesherrschaft. Weiche von mir, Satan!, sagt Jesus. Gaben ohne den Kontakt zum Geber. Missachtung Seines Zeitplans. Macht ohne Gehorsam gegen Gott. Mutiges Auftreten ohne Demut vor IHM. Amt im Eigensinn. Das sind die Fallen des Versuchers. Auch Jesus musste ihnen widerstehen.

6. Vielleicht fallen Seine Worte deswegen so hart aus, weil Er in ihnen nicht das Anliegen der Frau ablehnt, sondern die Versuchung, aus Erbarmen ungehorsam zu werden. Spricht Gott hier nicht zu Menschen außerhalb des Volkes Gottes ein Wort der Heilung, so kann Er es auch nicht sagen. Wie gerne würde ER und wie bald wird ER es auch. Doch jetzt noch nicht. So schweigt ER.

7.1 Wenn wir dies als innere Botschaft und Erkenntnis heute mitnehmen. Es gibt eine wache, aktuelle, lebendige Beziehung zu Gott, die über die Wahrheit unseres Glaubens entscheidet. Erst in dieser lebendigen Beziehung werden die Dinge des Glaubens stimmig und wahr, die sonst im Allgemeinen allemal richtig sein können. Die Kraft kommt vom Herrn, nicht schon vom richtigen Glauben an sich. Der Herr benutzt diesen wie eine Straße, um darüber zu kommen. Auf IHN kommt es an, auf Seine Gegenwart in uns.
7.2 Es ist von daher wichtig für unser Wachsen, auf Seine lebendige Gegenwart zu achten.
- Ist ER hier? Nimmt mein Glaube Gottesnähe wahr?
- Habe ich die fundamentale Hingabe, dessen sakramentales Zeichen die Taufe ist, für mein Leben erneuert? Herr, hier bin ich. Ich will Dir gehören. Du kannst durch mich wirken.
- Das erste Zeichen der Gegenwart Gottes ist immer Sein Friede, höher als alle Vernunft - wie die Liturgie es festhält. Geht der mit und signalisiert mein Herz: Ja, dann ist schon viel da.
- Dann kann ich auf weitere Winke Seines Wirkens achten. Die Bibel hat diesen Weg des Glaubens immer 'Leitung durch den Heiligen Geist' genannt. Wachsen wir darin können Augenblicke kommen, wo wir für uns Ja oder Nein vom Herrn her sagen. Dann kann es sein, dass wir wie Jesus in einem Moment die Position verändern müssen, weil der Herr spricht. Nicht zu folgen wäre Ungehorsam.

8. Warum also die Wende?
Es gibt ein Schlüsselwort für die Frau in unserer Erzählung. Ja, Herr, aber doch ... .
Zunächst sagt sie ihr Anliegen: Ach, Herr - so ihre Klage. Dann: Hilf, Herr - so ihre Bitte. Und dann: Ja, Herr, aber doch ... - so ihre Demut.
Klage, Bitte, Demut - das sind die Schritte in nahezu jedem Klagepsalm. Und Jesus scheint darin das Echo auf die Stimme Seines Vaters zu hören. ER hört Seine Stimme in ihrem Glauben. So kann ER plötzlich doch handeln. Gott redet, sie glaubt, Er handelt - wo das alles zusammenkommt geschieht der Wille des Vaters, da ordnet sich die Wirklichkeit nach Gottes Herrschaft. Er kann handeln, und die Krankheit flieht.

Amen.





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Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)