Deutschsprachiges Evangelisches Pfarramt an der Costa del Sol - online
Startseite

Grußwort

Gottesdienste

Predigten

Predigtplan

Gottesdienste
passiert...notiert...
und Fotos
Veranstaltungen
Wissenswertes
Kontakt und Anreise

 <>< Predigt
zum 20. Sonntag nach Trinitatis,
Costa del Sol

(Friedhelm Peters)

20. So nach Trinitatis, 2. November 2003

Von der Ehe und Ehescheidung

2 Und Pharisäer traten zu ihm und fragten ihn, ob ein Mann sich scheiden dürfe von seiner Frau; und sie versuchten ihn damit. 3 Er antwortete aber und sprach zu ihnen: Was hat euch Mose geboten? 4 Sie sprachen: Mose hat zugelassen, einen Scheidebrief zu schreiben und sich zu scheiden. 5 Jesus aber sprach zu ihnen: Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; 6 aber von Beginn der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau. 7 Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und wird an seiner Frau hängen, 8 und die zwei werden ein Fleisch sein. So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. 9 Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

Markus 10, 2-9


Liebe Gemeinde,

1.1 «Es ist warlich eyn geringe lust darbey», versichert der Luther-Anhänger Stephan Roth Bürgern in seiner Heimatstadt Zwickau, und er meint damit die Ehe. «Geringe lust» haben seiner Erfahrung nach - er selbst hat kürzlich geheiratet - die in den Ehestand getretenen Mönche und Nonnen. Deren Kritikern, die mutmassen, sie täten das «fleischlicher lust halber», hält Roth entgegen, wer für eine Familie arbeiten müsse, dem vergehe die Lust bald. Allein «grosse Hansen» könnten es sich erlauben, aus Wollust zu heiraten. Für alle anderen sei die Ehe ein Joch, zumal der Teufel die Verheirateten mit vielerlei Unglück und Zank versuche. Gerade daraus sei aber zu schliessen, dass der eheliche Stand wirklich Gottes Werk und derjenige selig ist, dem Gott dazu verhilft.

1.2 Roths Äusserungen sind ein Beispiel für die Wirkung von Luthers Schriften zu jungfräulichem Stand und Ehe auf seine Zeitgenossen. In der diskutierenden Öffentlichkeit erscheinen in den Anfangsjahren der Reformation in schneller Folge Flugschriften, Traktate, Predigten und sogar Liedblätter, die für die Ehe werben. Meinte man im Spätmittelalter entsprechend dem geltenden Kirchenrecht, dass derjenige Gläubige eine höhere Sprosse auf der Leiter zum Himmel erklimme, der lebenslange Keuschheit gelobe, so kam es seit 1521 zu aufsehenerregenden Heiraten: Priester inszenierten ihre Eheschliessung unter grosser Beteiligung der Öffentlichkeit bewusst als provokative Zeichenhandlungen.

1.3 In einer öffentlich anerkannten Ehe zu leben, war für sie ein Bekenntnis zur reformatorischen Bewegung, ein Bekenntnis zu Gottes Wort. Heiraten hiess, dem Schöpfungsauftrag Gottes nachzukommen: «So wenig es in deiner Macht steht, kein Weibsbild zu sein, so wenig steht es auch bei dir, ohne Mann zu sein. Denn es ist nicht freies Ermessen oder ein Entschluss, sondern ein nötiges und natürliches Ding, dass alles, was ein Mann ist, muss ein Weib haben, und was ein Weib ist, muss einen Mann haben» - so schrieb Martin Luther schon, als er selbst noch ein Mönch war.

1.4 Durch die Steigerung der Bedeutung der Ehe als der einzig gottgemässen Lebensweise und durch das Verständnis des ehelichen Lebens als Amt beziehungsweise Beruf hat Luther die Ehe zum «Inbegriff und Symbol protestantischer Kultur überhaupt» (Ernst Troeltsch) gemacht. Eine Ehe einzugehen und in ihr «in guten wie in schlechten Tagen» gebunden zu bleiben, ist für Mann und Frau sowohl von Gott herkommende und in der eigenen Natur zu erfahrende geistliche Berufung wie auch das erste und entscheidende Amt des Dienstes am Nächsten für einen jeden Menschen, sein erster und nächstliegender weltlicher Beruf.

1.5 Bei dieser Bedeutung der Ehe liegt es nahe, dass auch Berufswissen: Anleitung dazu, wie sie am besten zu führen ist, in der reformatorischen Bewegung ausgebildet und tradiert wurde. ... In Erasmus' berühmten Colloquia erschien erstmals im August 1523 ein fiktiver sokratischer Dialog - fast schon eine kleine Komödie für zwei Frauen in einem Akt - unter dem Titel «Coniugium». Hier klagt Xanthippe ihrer Freundin Eulalia ihr Leid mit dem Ehemann. ... Die jung verheiratete Xanthippe schimpft, ihr Mann verbringe seine Tage und Abende in Wirtshaus und Bordell, erbreche sich danach ins Ehebett und verspiele ihre Mitgift. Er habe versucht, sie zu verprügeln - was ihm aber nicht gelungen sei, weil sie sich mit einem umgedrehten Stuhl zu verteidigen wusste. Eulalia bringt ihre wütende Freundin zu der Einsicht, dass man Männer besser zähmt als schlägt.
Um Gottes Wohlgefallen am ehelichen Stand zu veranschaulichen, stellt Luther beispielsweise einen Mann vor, der die Windeln wäscht, so dass jedermann über ihn als «frawen man» spottet. Über den lache Gott mit allen Engeln voller Freude, «nicht darüber, dass er die Windel wäscht, sondern dass er das im Glauben tut». Luther verkehrt die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aus biblisch-pädagogischen Gründen. Schliesslich heisst es im Galaterbrief 3, 28: «In Christus ist nicht Mann noch Weib.» So will er den religiösen Vorzug der Ehe, trotz ihren Beschwernissen, gegenüber dem jungfräulichen Stand anschaulich machen.

1.6 Erasmus lehrt in «Coniugium», dass es ein glückliches eheliches Leben gibt, wenn beide Gatten sich an bestimmte Grundregeln des zwischenmenschlichen Verkehrs halten. «Civilitas» will der Humanistenfürst vermitteln. Während Luther lehrt, dass Gott den Menschen zur Ehe und Kindererziehung geschaffen hat, lehrt Erasmus, wie eine Ehe mit möglichst geringen Reibungsverlusten zu führen ist.
Auch das Ideal des Ehelebens beider unterscheidet sich nicht grundsätzlich. Nach Luther ist der Ehestand eine «lust» - und diesen Begriff benutzt der Mönch tatsächlich -, «wenn . . . man und weyb sich lieb haben, eynes sind . . .». Sein Mitbruder spricht von «unauflöslichen Banden gegenseitiger Zuneigung». Erasmus nennt die Ehe zwar nicht «ein äusserlich weltlich ding», wie das Luther tut, behandelt sie aber faktisch so.

1.7 Beide fordern, dass es keine Ehescheidung mehr geben soll entsprechend Christi Wort von der Unauflöslichkeit der Ehe (Lk 16, 18). Dazu tritt als zweiter, unangefochten in Geltung stehender Grundsatz, dass der Ehemann das Haupt der Frau ist, wie es Paulus vorgeschrieben hat (Eph. 5, 21-25).

So weit ein kleiner Rückgriff in unsere konfessionelle Tradition anlässlich des hinter uns liegenden Reformationstages.

2. Keine Frage: Jede Zeit hatte ihre Not und Lösungsversuche, die es zu respektieren gilt.
2.1 Woher weiß Erasmus von solchen Eheszenen, die er in seinem Eheratgeber als Beispiel verwendet?
Bestimmt hat er sie nicht erfunden, sondern in seinen Worten findet sich wieder, was er um sich herum erlebte.
2.2 Und warum nennt Luther an anderer Stelle nach so viel Würdigung der Ehe als seliges Wohlgefallen Gottes die Ehe ein Krankenhaus? Weil in der Partnerschaft Krankheiten der Seele aufbrechen wie nirgends sonst wo. Wenn es gut geht finden sich Heilung der Beziehung zwischen Mann und Frau und Frau und Mann und auch den Kindern.
2.3 Und warum wird Jesus nach der Ehescheidung gefragt? Doch deshalb, weil es sie zu seiner Zeit gab. Es war Praxis, die Frau zu schassen, die nicht passte. Und weil man sie nicht töten durfte, wenn man ihr Ehebruch vorwarf - die Römer entschieden über Hinrichtungen - so wandelte man im jüdischen Recht Steinigung in Scheidung um. Die war erlaubt. Dafür gab es Papiere, die sicherstellten: Wer rechtmäßig geschieden war durfte wieder heiraten. Die Frauen mussten das auch. Wie sollten sie sonst überleben in dieser Männerwelt.
2.4 Die böse Absicht der Verantwortlichen im Hintergrund unserer Geschichte: Wenn man Jesus in das Thema Ehescheidung verstricken konnte, dann ließ sich vielleicht der Zorn von Herodes auch auf Jesus lenken, wie schon auf Johannes den Täufer. Auch der war Kritiker der Mehrfachheirat des damaligen Regierungschefs gewesen. Das hatte ihn den Kopf gekostet im wahrsten Sinne des Wortes, er war enthauptet worden. Jesus ins Messer laufen lassen mit klaren Worten über Gottes Wort zur Ehe?
2.5 Wir sehen die Verwicklungen. Und wenn wir dann noch daran denken, was wir im eigenen Herzen für Erfahrungen mit unserer eigenen Partnerbeziehung und der Erfahrung von uns lieben Menschen haben: Wie viele von uns sind mehrfach verheiratet. Und wenn wir verheiratet sind und dies mit unserem ersten Partner, wer wüsste nicht darum, dass auch die eigene Beziehung zerbrechen könnte. Die Scheidungsrate liegt in Europa bei etwa 25 Prozent, in Städten bei etwa 40. Keine Berufsgruppe ist ausgeschlossen. Die der Pfarrer liegt mit an höchster Stelle.

3. Was meint Jesus, wenn ER in unserem Wort von der Intimität und der Unauflöslichkeit der Ehe spricht? Gucken wir dazu noch einmal in den Text.
3.1 Die Intimität
3.1.1 Luther übersetzt falsch aber gut, wenn er sagt, dass ein Mann Vater und Mutter verlässt und an seiner Frau hängt. Das war für eine Männerwelt genau der richtige Ton. Doch es steht um Urtext, dass ein Mensch Vater und Mutter verlässt und dass die beiden aneinander hängen und ein Fleisch sind. Bindung von besonderer Qualität: Abschied von zu Hause für ein neues zu Hause. Gott segnet das. Fruchtbarkeit ist das Geschenk des einen Fleisches.
3.1.2 Die Ehe als Bild für die Schöpfung. Eine große Hoffnung durchzieht die Schöpfung. Immer wieder Abschied nehmen für ein neues, großes, nach uns kommendes Ziel. In der Natur: der Winter weicht dem Frühling, der Frühling dem Sommer, der Sommer dem Herbst. Auch wir verarbeiten Erfahrungen zu Neuem. In der Ehe: die Herkunft hinter sich lassen und ein neues zu Hause mit dem Partner errichten. Mitwirken an der Schöpfung, die noch nicht zu Ende ist. Für den Glaubenden gilt sogar für den eigenen Tod. Wir haben in uns ein zu Hause wie in unserer Herkunftsfamilie. Und einmal machen wir auch hier den Abschied für ein neues zu Hause in der Ewigkeit.
3.1.3 Die Ehe ist ein Abbild dieses Geheimnisses der Schöpfung. Da macht Jesus sie fest. Nicht an dem, was schief gehen kann, an Streit, Zerwürfnis und Scheitern. An Gottes Hoffnung für unsere Welt.

3.2 Die Unauflöslichkeit
Und dann ist da noch die Besonderheit der Unauflöslichkeit: Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden. Warum?
3.2.1 Die Bindung zwischen Mann und Frau zeigt eine Besonderheit. Beziehungen zwischen Eltern und Kindern oder Kindern und Eltern sind durch die Natur gestützt. Sie sind vom eigenen Fleisch und Blut. Bei Partnern einer Ehe ist das anders. Sie sind viel schutzloser, sind frei gewählt, viel anfälliger, nicht durch Natur gesichert. Sie brauchen die Entscheidung, einen Bund.
3.2.2 Damit ist Ehe noch ein zweites Abbild. Das Bild des Bundes, das Gott mit uns Menschen schloss, zunächst im Volke Israel und dann mit Seiner Kirche. Besonders schutzbedürftig war dies Verhältnis immer. Breche es nicht! Halte den Bund! Wähle die Erwählung! Bleibe beim Herrn. Wir kennen diese Worte aus der Bibel. Und ebenso sind uns die Worte der Propheten vertraut: Mein Volk hat Mich verlassen. Es ist zur Hure anderer geworden.
3.2.3 Daran macht Jesus die Ehe fest. Sie zeigt, was Gott mit uns und Seinem Volk an Liebe vorhat. Wie Er erwählt und treu bleibt und damit niemals aufhört - wie auch im Noahbund die Ordnung unserer Schöpfung niemals aufhört, solange die Erde steht - so soll die Ehe diese Zusage Gottes widerspiegeln. Weil Gottes Liebe niemals aufhört, soll die Beziehung einer Ehe auch nicht enden. Lebt diese Hoffnung!

4. Zwei feste Anker: Mitwirken an Gottes Schöpfung, Mitwirken an Gottes Bund der Liebe.
Merken wir was Jesus tut. ER weitet unseren Horizont. ER macht Gott groß und damit unsere Möglichkeiten, unsere Treue, unsere Liebe, unseren Glauben unsere Fähigkeiten. Erst das Heil und dann noch Erbarmen im Scheitern. Erst die Position und dann noch was uns die Chance gibt, wenn wir fallen. Aber niemals verrechnet ER die Ehe: Ich darf aber! Du darfst aber nicht! Wer so denkt verlässt den Anker und verliert den Sinn. Er lebt nicht Einheit - ein Fleisch - und auch nicht Treue - das soll der Mensch nicht scheiden - .
So schließt der Herr die Ehe an das an, was Gott mit uns auf Erden tut in seiner Schöpfung und Erlösung. ER macht sie groß. Und wir - als schwache Menschen - können in unserer Ehe von Gottes Güte lernen.

Amen.





Zur Startseite      Zum Anfang dieser Seite

Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)