Deutschsprachiges Evangelisches Pfarramt an der Costa del Sol - online
Startseite

Grußwort

Gottesdienste

Predigten

Predigtplan

Gottesdienste
passiert...notiert...
und Fotos
Veranstaltungen
Wissenswertes
Kontakt und Anreise

 <>< Predigt
zum 20. Sonntag nach Trinitatis von
Pfarrer Harald Mallas,
früher Costa del Sol, jetzt Bielefeld

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Harald Mallas)

Gottesdienst am 23. Oktober 2004, 20. Sonntag nach Trinitatis


Träumst du noch - oder lebst du schon?

6 Die Versammelten fragten Jesus: "Herr, wirst du dann die Herrschaft Gottes in Israel wieder aufrichten?" 7 Jesus antwortete: "Mein Vater hat festgelegt, welche Zeiten bis dahin noch verstreichen müssen und wann es soweit ist. Ihr braucht das nicht zu wissen. 8 Aber ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde." 9 Während er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, so dass sie ihn nicht mehr sehen konnten. 10 Als sie noch wie gebannt nach oben starrten und hinter ihm hersahen, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer neben ihnen. 11 "Ihr Galiläer", sagten sie, "warum steht ihr hier und schaut nach oben? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt weggehen sehen!"

Apostelgeschichte 1, 6-11

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde!


Wann haben Sie ihre letzte Traumreise (Phantasiereise) gemacht? Ich meine nicht die, die man im Reisebüro für viel Geld buchen kann. Was, sie kennen das nicht? Da legt man sich entspannt zurück, schließt die Augen und der Reiseführer (vielleicht der Lehrer oder der Pfarrer) leitet einen in ein Traumland, wo man sich dann mit seinen geistigen Augen umschauen und die schönsten Dinge entdecken kann. Manchmal ist es gar nicht so leicht, aus diesem Traumland wieder zurückzukehren. Wir würden gerne länger bleiben. Aber die Rückreise ist gebucht, etwa in den Schulalltag, in meine Familie, ja in mein reales Leben.

Und da sage noch einer, "Träume seien Schäume" - nein, zu träumen macht Spaß, in Gedanken auf Reisen zu gehen und fantastische Dinge zu erleben, tut uns gut. In unseren Gedanken ist alles möglich, die Freiheit ist grenzenlos.

"Träumst du noch - oder lebst du schon?" Wir wollen uns heute morgen mit dieser Frage beschäftigen. Zunächst fragen wir: Gibt es auch Träume, die uns vom Leben abhalten, die uns nicht gut tun? Können uns unsere Träume so einnebeln, so einlullen, dass wir am Leben vorbeilaufen, und irgendwo auf einer Traumwolke das wirkliche Leben verpassen?

Ich denke zum Beispiel an den lebenslangen Traum vom großen Lottogewinn, ja vom Jackpot, den viele träumen (vielleicht auch Sie?), einen Supergewinn, der auf einen Schlag von allen Geldsorgen befreit? Viele träumen ihn jeden Mittwoch und Samstag und verdrängen dabei, wie gering ihre Chancen wirklich sind.

Was träumen Menschen heute so - etwa Jugendliche?
Den Traum etwa ein Superstar zu sein und ein Casting zu gewinnen. Einmal im Rampenlicht zu stehen und von allen bewundert zu werden? Aber wie groß sind die Chancen wirklich?
Den Traum vom Superjob, mit dem Spitzengehalt. Da kann ich mir alles kaufen! Aber wie realistisch ist es, diesen Traum mit meiner Schulbildung zu erreichen. Den Traum von Karriere, Glück und immerwährendem Spaß? Aber gibt es das auf dieser Erde?

Was träumen Menschen an der Costa del Sol? Sie ersehnen sich einen angenehmen Urlaub, sie träumen von Sonne und Gesundheit und Leichtigkeit für ihre Seelen.
Sie sind durch den Kauf einer Immobilie dem Lebenstraum für das letzte Drittel ihres Lebens schon ganz schön nah gekommen.
Aber ist die Realität wirklich so wie der Traum? Kann man zum Beispiel die Vergangenheit einfach im Heimatland zurücklassen, nimmt man sich nicht selber mit, mit allen Sorgen, auch mit der eigenen Sinnlosigkeit. Es freut mich, wenn es ihnen anders geht, wenn sie die Zeit hier genießen, aber wir haben während der Zeit hier in Spanien viele Träume von hoffnungsvollen Menschen zerbrechen sehen.

Wir machen eben auch diese Erfahrung: Unseren Träumen geht die Luft aus, sie halten nicht das, was wir uns von ihnen versprechen. Oder noch viel schlimmer, sie zerplatzen manchmal wie Seifenblasen.

Halten sie mich jetzt für einen Spielverderber, für einen Traumzerstörer? Für einen Schlechtredner und Miesmacher?
Das wäre Schade, denn ich halte sehr viel von Träumen, wenn sie uns denn helfen, das Leben gut zu leben. Christsein hat sehr viel mit Träumen und Visionen zu tun. Gewaltiges ist durch die Träume und Visionen von Menschen der Bibel in Gang gekommen.
Aber auch Christen müssen sich vor falschen Traumpfaden in Acht nehmen, vor Traumpfaden, die nicht ins Leben, sondern in Sackgassen führen, ins Abseits.

Selbst die Jünger Jesu waren des Öfteren in Gefahr, aus ihren Träumen abzustürzen. Als Jesus sich nach seinem Tod und seiner Auferstehung von den Jüngern verabschieden will, kommt es zu folgender Szene (Apostelgeschichte 1, 6-11):

6 Die Versammelten fragten Jesus: "Herr, wirst du dann die Herrschaft Gottes in Israel wieder aufrichten?"
7 Jesus antwortete: "Mein Vater hat festgelegt, welche Zeiten bis dahin noch verstreichen müssen und wann es soweit ist. Ihr braucht das nicht zu wissen. 8 Aber ihr werdet mit dem Heiligen Geist erfüllt werden, und dieser Geist wird euch die Kraft geben, überall als meine Zeugen aufzutreten: in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans äußerste Ende der Erde."
9 Während er das sagte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben. Eine Wolke nahm ihn auf, so dass sie ihn nicht mehr sehen konnten.
10 Als sie noch wie gebannt nach oben starrten und hinter ihm hersahen, standen plötzlich zwei weiß gekleidete Männer neben ihnen.
11 "Ihr Galiläer", sagten sie, "warum steht ihr hier und schaut nach oben? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen wurde, wird auf dieselbe Weise wiederkommen, wie ihr ihn habt weggehen sehen!"

Jesus geht weg, er wird aufgehoben in den Himmel. Die Jünger erstarren. "Das darf doch nicht wahr sein! Der geht einfach!" Wieder so ein zerplatzter Traum. Sie wollten doch in Gemeinschaft mit ihm leben, aber bitteschön in sichtbarer Gemeinschaft. Und nun entschwindet er vor ihren Augen. Sie haben das Nachsehen. Der Traum vom erfahrbaren Reich Gottes scheint zu entschwinden und das mit der Kraft des Heiligen Geistes haben sie noch längst nicht kapiert, ist ja auch nicht ganz einfach.

Träume von Jüngern zerplatzen hier nicht zum ersten Mal. Schon vorher sind etliche Jünger voller Enttäuschung weggeblieben. Die hatten nämlich gehofft, Jesus würde ihr militärischer Anführer und mit ihnen in den Kampf gegen die römischen Besatzer ziehen. Aber Fehlanzeige! Jesus wusste gar nicht, wie man ein Schwert hält. Mit so einem kann man doch keinen Aufstand gewinnen und schon gar nicht ein Himmelreich auf Erden aufbauen. Dass Jesus auf eine ganz andere Macht setzt, nämlich die macht der Liebe Gottes, das können sie nicht begreifen. Und "aus der Traum".

Zurück zu den Jüngern, die Jesus verwundert und sicher auch enttäuscht nachschauen. Lässt Gott seine Träumenden, die so viel von ihm erwarten als die Dummen der Weltgeschichte zurück?
Natürlich nicht!
Bevor sie sich noch ihrem Schmerz zuwenden können, sind da zwei Engelwesen bei ihnen, die bringen sie behutsam auf den Teppich zurück. Was schaut ihr noch nach oben?" so wollen sie sagen, hier unten spielt sich euer Leben ab und für diese Welt hat Gott euch einen großen Auftrag gegeben. Erinnert euch, an die Worte Jesu, die er noch gerade zu euch gesprochen hat: Ihr sollt meine Zeugen sein, hier und bis in den letzten Winkel der Erde. Es gibt viel zu tun, packt es an. Der unsichtbare Herr ist in seinem kraftvollen Geist mit euch! Und das ist kein Traum. Jesus traut es euch zu.
So höre ich die zwei Engelgestalten reden.

Der Traum ist also nicht zu Ende, sondern bekommt eine andere Dimension: wir träumen nicht mehr egoistisch für uns, sondern wir dürfen mit Gott träumen.
Ja, Sie haben richtig gehört, Gott ist auch ein Träumender! Und er denkt gar nicht daran seinen Traum von seinem Reich unter uns aufzugeben, seine Vision von einer liebevollen Beziehung zu seinen Menschenkindern setzt er in die Realität um. Jeder kann es erfahren: Jesus ist nicht weit weg. Er ist ein Gebet weit entfernt. Und er wird wiederkommen. In der Zwischenzeit aber, ja in der Zwischenzeit, gibt es eine Menge für uns zu tun.

Liebe Freunde,
was ich an dieser Begegnung zwischen den Engeln und den Jüngern ausgesprochen gut finde: der Traum, den sie geträumt haben, der Traum von einer Welt Gottes bei den Menschen, bleibt kein Traum. Er bekommt eine Erdung! Er gewinnt Bodenhaftung. Er beginnt sich in die Wirklichkeit hinein zu entwickeln, beginnt Gestalt zu gewinnen. Der Traum ist kein Luftschloss mehr in Wolkenkuckucksheim, er kann Schritt für Schritt Wirklichkeit werden. Der Auftrag etwa zur Ausbreitung der guten Nachricht ist umgesetzt geworden. Und das sind die Träume, an denen Gott seine unbändige Freude hat.
Habe einen Traum, einen großen oder einen kleinen und lass dir von Gott den Rücken stärken, um den Traum wahr werden zu sehen. Träume mit Gott und du bist auf dem richtigen Traumpfad.

Bin ich jetzt zu euphorisch, zu schwärmerisch? Bin ich noch geerdet oder hebe ich jetzt auch gleich ab?
Nein, ich bin noch ganz hier, keine Sorge.

Und ich will noch von einem außergewöhnlichen Menschen erzählen. Sein Name ist Martin Luther King. Er war ein einfacher Baptistenprediger in den amerikanischen Südstaaten, ein frommer Mann. Aber sein Glaube hat ihn nicht zur Abkehr von dieser Welt geführt, hat ihn nicht davon abgehalten, sich in die Ungerechtigkeiten seiner Zeit einzumischen und gegen sie friedlich, aber kraftvoll zu kämpfen. Es war die Zeit der Rassenunruhen in den USA. Eine Zwei- Klassen Gesellschaft war es, in der die Schwarzen, die Nachfahren der afrikanischen Negersklaven, eindeutig die Untermenschen waren. Vieles war getrennt, die Busse, die Bänke in den Parks, die Schulen.
Und Gott schenkte Martin Luther King einen Traum. Keinen Traum auf Wolke 7 und keinen Traum vom großen materiellen Glück im Lotto. Nein, er schenkte ihm einen Traum mit Erdung: den Traum von der Versöhnung der Rassen in Amerika.
In der für mich großartigsten Reden der jüngeren Geschichte, der Rede "I have a dream", hat King diesen Traum für sich und für viele andere immer wieder konkret werden lassen!

Martin Luther King ist leider ermordet worden. Eine bittere Enttäuschung für alle Friedenskämpfer. Aber war der Traum damit geplatzt? Nein, war er nicht. Die Befreiungsbewegung ging weiter, denn mittlerweile waren schon so viele Schwarze und auch Weiße in den USA sind davon angesteckt worden. Der Wind der Veränderung war nicht mehr aufzuhalten.

Verstehen Sie / ihr jetzt, was Träume bewirken können, wozu Träume fähig machen? Die Träume, die Gott uns ins Herz setzt haben eine unbändige Kraft. Da ist Power drin, Heiliger Geist. Diese Träume drängen ans Licht, sie wollen nicht verstauben. Sie wollen gelebt werden.

"Träumst du noch - oder lebst du schon?"

Was sind eigentlich ihre Träume, die ins Leben wollen, ans Licht? Ihre Träume für sich und die Familie, für die Gemeinde, für diese Welt? Wie schön wäre es, wenn wir mit diesen Träumen zu Gott, unserem Vater gehen und ihn bitten, mit uns diese Träume zu leben.

Vielleicht ist da ein junger Mensch, der davon träumt, aus seinem Leben etwas zu machen, aber es gelingt ihm nicht, weil keiner an ihn glaubt und allein schafft er es nicht. Du sollst wissen, Gott glaubt an dich und wird dir Wege zeigen, wie du stark wirst und dich nicht klein kriegen lässt. Lass nicht locker - lebe deinen Traum.

Oder da ist ein Mensch, der sich von manchen Träumen, die er hatte, schon verabschieden musste. Sie sind einfach nicht in Erfüllung gegangen. Geben Sie nicht auf, im Namen Gottes, es geht für Sie weiter, nicht nur irgendwie. Sprechen Sie Gott an, fragen Sie ihn um Rat und bitten Sie ihn um Kraft.
Werft alle Sorgen auf ihn, denn er sorgt für euch. Und wer Gott seine Sorgen abgibt bekommt einen freien Kopf für neue Träume und Wünsche.

Liebe Freunde,
verlernen Sie das Träumen nicht, egal wie alt Sie sind. Werden Sie keine Traumtänzer, die Abstürze sind zu hart. Träumen Sie aber mit Gott, den großen Traum vom Leben. Das ist ein Traum, der lebendig wird und in Ewigkeit nicht ausgeträumt ist.

Amen.





Zur Startseite      Zum Anfang dieser Seite

Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)