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zum vierten Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrer Friedhelm Peters,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Friedhelm Peters)

Gottesdienst am 19. Juni 2005,
4. Sonntag nach Trinitatis

Josefsweg

15 Als Josefs Brüder sahen, dass ihr Vater tot war, sagten sie: Wenn sich Josef nur nicht feindselig gegen uns stellt und uns alles Böse vergilt, das wir ihm getan haben. 16 Deshalb ließen sie Josef wissen: Dein Vater hat uns, bevor er starb, aufgetragen: 17 So sagt zu Josef: Vergib doch deinen Brüdern ihre Untat und Sünde, denn Schlimmes haben sie dir angetan. Nun also vergib doch die Untat der Knechte des Gottes deines Vaters! Als man ihm diese Worte überbrachte, musste Josef weinen. 18 Seine Brüder gingen dann auch selbst hin, fielen vor ihm nieder und sagten: Hier sind wir als deine Sklaven. 19 Josef aber antwortete ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Stelle? 20 Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn, um zu erreichen, was heute geschieht: viel Volk am Leben zu erhalten. 21 Nun also fürchtet euch nicht! Ich will für euch und eure Kinder sorgen. So tröstete er sie und redete ihnen freundlich zu.

1. Mose 50, 15-21

Liebe Gemeinde!

1.1 Eine große Leistung des Lebens hat jeder von uns zu einem Zeitpunkt vollbracht, an den er sich nicht mehr erinnern kann, nämlich als Baby.

1.2 Da gab es vor der Geburt die Rundumversorgung im Mutterleib inklusive Schutz. Und nach der Geburt: Licht - ich muss selbst gucken. Luft - ich muss selbst arbeiten. Nahrung - ich muss selbst schreien. Beziehung - ich muss es selbst versuchen und aufbauen.
Hat Mama als Bezugsperson Probleme, dann muss ich das normal finden. Ist sie mir zugewandt, dann gilt mir das auch als normal. Und ist sie gar nicht da, dann werde ich sogar Verlassensein als Norm empfinden. Streichelt sie mich dann weiß ich sicher, dass Zärtlichkeit zum Leben gehört.
Was für eine Glanzleistung der Entwicklung. Wir entwickelten uns mit dem, was wir bekamen. Jeder von uns hat das geschafft. Wir wären sonst nicht hier.

1.3 Weit schwieriger ist für uns zu verarbeiten, was wir bei wachem und entwickeltem Bewusstsein mitbekommen. Ein Schicksalsschlag: Die Mutter stirbt. Ein Krankheitsfall: Ich war allein. Ein Unglück: Ich saß im Auto als es passierte.

1.4 Und noch viel schlimmer prägt sich oft im Leben ein, was andere uns antaten: Sie/er hat mich nie gehört, ich war stets Sündenbock, mein Leben galt ihr/ihm nichts, ich war nichts für sie/ihn wert, man hat mich stehen lassen, ich existierte nicht, man hat mich schlicht verkauft.


2.1 Das war ein Wort im Hintergrund unserer Geschichte. Josef, der Mann um den es geht, trug dieses Wort im Herzen. Das teilte er mit allen, in deren Leben Unrecht prägend war: Mich wollte man nicht. Erst hat man mich verraten, dann verkauft.

2.2 Wie weit das prägen kann, nicht nur die Falten unserer Seele, nein, auch die Spuren im Gesicht, bis in den Blick der Augen, das wissen wir von uns und anderen, die das erlebten. Verrat prägt tief.

2.3 Es ist erstaunlich, dass wir am Ende der Geschichte seines Lebens nicht einen mürrisch, rachsüchtigen Menschen finden. Im Gegenteil. Josef erscheint als gütiger Mensch, der andere trösten kann. Und noch viel mehr. Selbst die, die ihn verrieten, kann er aufbauen. Er hat vergeben.

2.4 Wie geht das? Wie kann das geschehen? Was gehört zu einem solchen Entwicklungsschritt dazu? Wie kann eine solche Wendung zum Guten im eigenen Leben gelingen? Wie geschieht so eine innere Heilung? Mit dieser Frage wollen wir den Text betrachten.


3.1 Josef war ein gemachter Mann. Er war der Stellvertreter Pharaos, des Herrschers von Ägypten, der höchste Mann im Staat nach ihm. Was er anordnete würde geschehen.

3.2 Das war nicht immer so. Er war einmal ein verlorener Mann. Auch das ist Teil von ihm. Wir erinnern uns.

3.3 Im Kreise seiner Geschwister fing es an. Dass er viel schneller denken und besser präsentieren konnte war nicht der Punkt. Er kämpfte mit seiner Begabung, trieb andere in den Neid und brachte sie zur Weißglut. Begabte haben es nicht leicht, doch machen sie es auch anderen oft nicht leicht. Als dann der Vater ihn den anderen vorzog reichte es: Er musste weg. Man gab vor, ein wildes Tier hätte ihn zerrissen. In Wahrheit war das Tier die Rache der Geschwister. Sie warfen ihn in einen trockenen Brunnen, dann verkauften sie ihn als einen Sklaven nach Ägypten. Nur weg mit ihm.
Dort leistete er Sklavendienste. Nach langen Jahren wurde er entdeckt und wie ein Wunder auf den Regierungsthron gehievt.
Statt der Familie Rache heimzuzahlen hilft er, als Hungersnöte sie gerade zu ihm kommen lassen. Was für eine Umkehrung. Er bettelte um sein Leben - die Geschwister hören nicht. Jetzt betteln sie um Nahrung - er hört und hilft. Sogar der alte Vater erlebt das Glück, dass der verlorene Sohn noch lebt.

3.4 Dann stirbt der Vater, der Garant des Schutzes. Solange er noch lebte würde Josef keine Rache an den Geschwistern walten lassen, so denken sich die Schuldigen. Sie haben zwar das Korn aus seiner Hand genommen, doch nicht das Samenkorn der Vergebung. Verletzungen und Schuld wohnten im Herz. Da kam nichts anderes dran.

3.5 Ein ganzes Leben lang kann in uns bleiben, was wir als Kind ins Herz verschlossen haben. So war es hier. Der Tod des Vaters reißt alte Wunden auf. Was jetzt? Das alte ist das neue Problem.

3.6 Das Herz lenkt immer unsere Schritte. Die Furcht im eigenen Herzen vor der Rache lässt die Geschwister bei Josef um die Gnade bitten, die sie selbst nicht hatten.
Und Josef weint. Er hatte ihnen längst verziehen. Sie hatten es nicht angenommen. Sie steckten noch im Teufelskreis von Schuld und Rache, nicht er. Ich will für euch und eure Kinder sorgen. So tröstete er sie und redete ihnen freundlich zu (21).


4.1 Was macht den Unterschied von Josef und den Geschwistern aus? Sie hatten doch den gleichen Vater, gehörten zu einer Familie. Der eine kann verzeihen, die anderen nicht. Was macht den einen so, die anderen so? Wie fand Josef für sich den Weg innerer Heilung?

4.2 Leid kann man nicht vergleichen. Es gibt kein Maß, von dem er möglich wäre zu behaupten: das war ja nicht so schlimm, der hat das alles ganz gewiss nicht so erlebt wie ich. Jeder erlebt sein Leid einmalig, auch sein erfahrenes Unrecht, auch seine Schuld. Abwiegeln hilft nicht. Von Josef heißt es nirgendwo, er habe alles halb so schlimm gefunden.

4.3 Vielmehr gibt er selbst Auskunft über seinen Weg. Und der wird auch erkämpft gewesen sein, fiel nicht vom Himmel, war sein Entschluss, mit dem er vorsichtig und mutig das Dickicht seiner Vergangenheit durchleuchtete.


5.1 Es war der Glaube an die gute Führung seines Gottes: Ihr habt Böses gegen mich im Sinne gehabt, Gott aber hatte dabei Gutes im Sinn (20). Josef hat dem Handeln Gottes und der Deutung unseres Lebens durch IHN einen höheren Platz eingeräumt als der Stimme des eigenen Herzens. Oder wie es an anderer Stelle in der Bibel heißt: Gott war für ihn größer als das eigene Herz.

5.2 Das ist Vergebung: Ich gebe dem Größeren Recht, IHM, Gott. Ich gebe Seiner Liebe Recht. Die Führung ist bei IHM und damit auch die Rache. Bei IHM ist auch der Friede für mein Herz. Er kommt von IHM, nicht aus den Umständen.
Der Kreislauf des Bösen ist so unterbrochen. Mein Herz kann einen neuen Weg innerer Heilung finden.

5.3 Josef scheint so ein Mensch gewesen zu sein. Die Worte weisen darauf hin, die er zu seinen Geschwistern sagt. Er sagt nicht wie lange er um diesen Weg gerungen hat. Doch sagt er, dass er ihn jetzt geht.

5.4 Und weil er diese Worte seinen Geschwistern sagt, ist diese innere Heilung in ihm sehr weit gereift. Denn gegenüber der eigenen Herkunftsfamilie ist dieser Weg am schwierigsten zu gehen. Die alten Muster sind dort so stark. Doch Glaube an einen starken Gott kann selbst diese überwinden.


6.1 Als Christen sehen wir in Josef für uns ein Vorbild.
Wie er der Führung seines Gottes traute selbst in dem dunklen Wegen seines Schicksals, so können wir der Begleitung durch den Auferstandenen trauen. ER liebt uns, ER führt unseren Weg, ER tritt für unsere und die Schuld der anderen ein, durch Seinen Tod am Kreuz. ER kann für uns auch größer werden als unser Herz.

6.2 Dann können wir die Josefswege mit IHM gehen, die wir zu gehen haben.


(Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)
Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösen, Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht ER Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will wie wir brauchen.
Aber ER gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf IHN verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind,
Und das es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Faktum ist,
sondern dass ER auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Amen.





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Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)