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zum sechszehnten Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrer Friedhelm Peters,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Friedhelm Peters)

Gottesdienst am 11. September 2005,
16. Sonntag nach Trinitatis

Gottesschmerz

22 Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende. 23 Neu ist es an jedem Morgen; groß ist Deine Treue. 24 Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele, darum harre ich auf Ihn. 25 Gut ist der Herr zu dem, der auf Ihn hofft, zur Seele, die Ihn sucht.
...
31 Denn nicht für immer verwirft der Herr. 32 Hat er betrübt, erbarmt Er sich auch wieder nach Seiner großen Huld.

Klagelieder 3, 22-26.31-32

Liebe Gemeinde!

1.1 Kennen Sie das? Sie gehen am Strand, freuen sich an Sonne und Wind. Das Meer plätschert. Und plötzlich macht es: Knack. Und Ihnen reißt es im Rücken als hätte Sie ein Messer getroffen. Jeder Schritt tut weh. Sie wissen nicht den Kopf zu drehen. Wie komme ich bloß nach Hause ohne eine Bahre. Höllische Schmerzen bei jeder Bewegung. Und das am schönen Strand am schönen Meer.

1.2 Der Schmerz ist etwas höchst eigenartiges auf dieser Welt. Es gibt nahezu keinen Menschen, der nicht Schmerzen hat. Und doch sind Schmerzen völlig unvergleichbar. Keiner kann sagen, dass ihm etwas mehr weh täte als einem anderen. Schmerzen haben keinen objektiven Maßstab. Jeder findet seinen schlimm.
Wohl dem, der keine hat. Schmerzlosigkeit feststellen ist das einzige am Schmerz, was Menschen einheitlich über ihn sagen können. Schmerzen trägt jeder verschieden.

1.3 Nun gibt es nichts, was uns nicht Schmerzen machen kann.
Der schönste Wind, der sogar ein wenig Regen gebracht hat, kann zu vehementen Kopfschmerzen führen. Die leckersten Pilpil mit Knoblauch in Olivenöl können zu Gallenkoliken führen, wenn ich fettarm essen muss. Der schönste Flug in den Süden kann mich krank machen, wenn die Klimaanlage im Flugzeug zu stark eingestellt ist.
Aber nicht nur dies. Wir haben ein Enkelkind bekommen, sagen die einen und sind glücklich über den Nachwuchs in der Familie. O Gott, nur das nicht und nur jetzt nicht. Die Tochter kann es nicht großziehen. Und wir? Können, müssen, sollen wir es jetzt tun?

1.4 Schönes kann zum Schmerz werden, wenn es nicht passt. Meist tut es dann viel mehr weh als alles andere, was uns nicht sehr berührt.

1.5 Mit so etwas haben wir es in unserem Text zu tun. Hier leidet jemand an seinem Glauben. Gott tut ihm weh.
Es handelt sich dabei zugegebener Maßen um eine nicht häufig öffentlich mitgeteilte Erfahrung. Denken wir doch bei Gott an Halt, Vertrauen, Frieden. Aber es ist völlig klar. Alles was uns nah kommt kann auch weh tun. Von einer solchen Erfahrung mit Gott redet unser Text. Der Gottesschmerz, so wollen wir deshalb unser Wort überschreiben und schauen, was sich für uns dahinter verbirgt.


2.1 Ich bin der Mensch, der Leid erlebt hat durch die Rute Seines Grimms. ER hat mich getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht. Täglich von neuem kehrt ER die Hand nur gegen mich (1-3). Mit diesen Worten beschreibt der Autor seine Gotteserfahrung. Wie kann das sein?

2.2 Gehen wir davon aus, dass der Verfasser die Tagebücher des Propheten Jeremia hier zitiert, wird manches deutlich.

2.3 Da stand der Prophet im Vorhof des Tempels und blickt auf die Säulen, die ins Heiligtum führen. Dort wird das tägliche Opfer der Fürbitte für das Volk dargebracht. Dort stehen die Zeichen der Gegenwart Gottes: Der siebenarmige Leuchter, der Brandopferaltar. Alle Zeichen des Heils.
Doch in seinem Herzen jubelt es nicht. Er weint. Keiner der verantwortlichen Priester und Regierungsmitglieder hörte. Haltet nicht nur äußerliche eure Riten, sagt der Prophet. Hört auf Gottes Stimme. Folgt Ihm mit euren Herzen! So hatte er geworben und gefleht. Lasst von jeder falschen Bündnispolitik mit den Feinden. Ungehört waren seine Worte zwischen den Säulen des Tempels verhallt. Die Realpolitik hatte alles weggewischt.

2.4 Und wenig später stand der Prophet wieder an dieser Stelle. Noch standen die Säulen. Doch sie führten in ein leeres Heiligtum. Die angekündigte Zerstörung des Landes, Tempels und des Heiligtums war eingetreten. Gott hatte die Verbannung Seines Volkes zugelassen. Sie waren Gott nicht mehr gefolgt, jetzt mussten sie ihren Unterdrückern folgen. Das Heiligtum war leer. Jeremia klagt. Er hatte traurig Recht behalten. Das Heiligtum war zerstört, das Volk zog in die babylonische Gefangenschaft.

2.5 Er hatte dort gestanden und Ungehorsam angeklagt. Jetzt stand er wieder hier, nicht triumphierend. Jetzt klagt er über den Verlust. Er steht wie im Zweifrontenkrieg: Gegen das Unrecht und den Unglauben der Menschen und gegen das Leid und die Konsequenzen, die Gott zulässt. Beides erdrückt ihn. Ich bin der Mensch, der Leid erlebt hat durch die Rute Seines Grimms. Er trägt den Schmerz durch Menschen, er trägt den Schmerz durch Gott. Das ist sein Zustand. Wo ist da Hilfe?


2.6 Vielleicht kennen Sie solche Augenblicke, wo die Erde und der Himmel einzustürzen droht. Sie haben um etwas Gutes gekämpft. Dann scheint es, als ob nicht nur das Gegenteil hereinbricht. Es scheint so, als ob der Himmel sich gegen Sie verbündet hätte.
Viele Menschen kennen im Geheimen einen solchen Zweifrontenkrieg. Sie bemühen sich um die Bewahrung der Schöpfung. Warum sind Menschen und Staaten so nachlässig? Und dann kommt noch obendrein ein Tornado, der Tausenden Unschuldigen das Leben kostet. Wo ist die Verantwortung der Menschen? Wo ist die Güte Gottes?
In der Kirche ist das oft nicht anders. Sie beten um die Erneuerung der Menschen und mühen sich darum. Wer honoriert das schon, wer sieht es. Und dann entsteht als Antwort noch eine dicke Krise, die alles erschüttert. Ist das die Antwort Gottes auf die Gebete? Zweifrontenkrieg des Glaubens.
Schmerzen durch Menschen, Schmerzen durch Gott.


3.1 Es gibt verschiedene Lösungsstrategien im Angesicht von Leid. Es ist nun interessant zu sehen, was der Prophet denn macht. Wie wertvoll ist der Einblick in sein Tagebuch.

3.2 Es gibt ein Patt des Herzens, das uns lahm legt. Aus dieser Lähmung löst der Prophet sein Herz ein Stückchen weit heraus. Doch flieht er nicht, vergisst auch nicht. Ganz deutlich fängt er an, die Not exakt zu beschreiben. Er schaut sie an. Er spricht sie aus. Wie eine Selbstbesinnung gibt er jeder Seite Worte. Er bleibt nicht stumm. Was stumm macht lässt er sprechen. Das ist der erste Schritt der Freiheit.

3.3 Und dann folgt Weiteres nach. Der Standortbestimmung seines Herzens folgt sofort die Frage: Wo will ich hin? Links Not, rechts Not. Wo bleibt ein Weg?
Sein Wille hat es fest gespeichert. Ihn lässt er jetzt ans Ruder seines Lebens. Ihm gibt er Oberhand: Ich will mir das zu Herzen nehmen (21). So sagt er. Es ist die Erinnerung an das, was half und zählte. Da will ich wieder hin. Das ist der zweite Schritt zur Freiheit, dem was ich will den ersten Platz einräumen.

3.4 Und dann folgt unser Wort. Ganz zaghaft müssen wir das hören. Es ist wie ein Gebet, doch ganz in Hoffnung. Es richtet sich an alle Teile seines eigenen Herzens, die noch wie tot sind, noch unter Wasser. Und doch sind es auch Worte, die er zum Himmel richtet. Mach das doch wahr, Herr, der Du hörst!
22 Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende.
23 Neu ist es an jedem Morgen; groß ist Deine Treue.
24 Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele, darum harre ich auf Ihn.
25 Gut ist der Herr zu dem, der auf Ihn hofft, zur Seele, die Ihn sucht.
26 Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn.
31 Denn nicht für immer verwirft der Herr.
32 Hat er betrübt, erbarmt Er sich auch wieder nach Seiner großen Huld.
Hören wir diese Worte. Sie sind das Gebet eines starken Glaubens in großer Schwäche. Wie ein dritter Schritt der Freiheit führen sie nach vorne. Langsam, behutsam, in der Geschwindigkeit wie Gott antwortet, führen sie zurück ins Leben.


4.1 Etwas bleibt noch besonders an diesen alten modernen Worten. Im Zusammenhang des Textes erinnern sie sehr an Jesu Worte am Kreuz. Verlassen von Menschen und einsam vor Gott ist keine Stimme da, die hilft. So hat es auch der Herr erfahren. Der Gottesschmerz ist Kreuz-Erfahrung.

4.2 Und das ist nicht das Ende. So sehen wir hier beim Propheten, so sehen wir es bei IHM, dem Herrn. So werden wir es auch in unserem Leben erfahren. In dieser Hoffnung wollen wir bleiben und uns erinnern, wenn es nötig wird: Lähmung lösen, wollen was hilft, im Gebet auf die Güte des Herrn trauen.


Amen.





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Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)