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im Rahmen der PrädikantInnenausbildung der EKD
von Dr. Karl-Heinz Eilers,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Dr. Karl-Heinz Eilers)

Gottesdienst am 6. November 2005

von der Heilung des Gelähmten

1. Und über etliche Tage ging er wiederum gen Kapernaum; und es ward ruchbar, dass er im Hause war. 2. Und alsbald versammelten sich viele, also dass sie nicht Raum hatten, auch draußen vor der Tür. Und er sagte ihnen das Wort. 3. Und es kamen etliche zu ihm, die brachten einen Gichtbrüchigen, von vieren getragen. 4. Und da sie nicht konnten zu ihm kommen vor dem Volk, deckten sie das Dach auf, da er war, und gruben's auf und ließen das Bett hernieder, da der Gichtbrüchige innen lag. 5. Da aber Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 6. Es waren aber etliche Schriftgelehrte, die saßen allda und gedachten in ihrem Herzen: 7. Wie redet dieser solche Gotteslästerung? Wer kann Sünde vergeben denn allein Gott? 8. Und Jesus erkannte bald in seinem Geist, dass sie also gedachten bei sich selbst, und sprach zu ihnen: Was gedenket ihr solches in euren Herzen? 9. Welches ist leichter, zu dem Gichtbrüchigen zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder: Stehe auf, nimm dein Bett und wandele? 10. Auf dass ihr aber wisset, dass des Menschen Sohn Macht hat, zu vergeben die Sünden auf Erden, sprach er zu dem Gichtbrüchigen: 11. Ich sage dir, stehe auf, nimm dein Bett und gehe heim! 12. Und alsbald stund er auf, nahm sein Bett und ging hinaus vor allen, also dass sie sich alle entsetzten und preiseten Gott und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Markus 2, 1-12 nach Luther

Herr, Dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Wege. Amen

Liebe Gemeinde!

Predigt heute der Küster?
So fragt Anneliese Bungeroth in einem heiteren Gedicht über den Prediger.
Ja, warum eigentlich nicht?
Warum sollte ein Küster nicht auch Gedanken zur Bibel oder Erfahrungen mit Gott haben, die es wert sind, mitgeteilt zu werden?

Nun, ich bin nicht der Küster. Mein Name ist Karl-Heinz Eilers und ich nehme gerade an einer Ausbildung zum Prädikanten teil, also zu einem Laienprediger der EKD, der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Zu dieser Ausbildung gehört es, dass man eine Predigt hält zu dem eben gehörten Text.
Ich habe ihn bewusst in der Fassung von Martin Luther vorgelesen, weil darin "geflügelte Worte" vorkommen, die in meiner Familie oft zitiert wurden: Nimm dein Bett und wandle …

Doch lassen Sie uns den Text von vorne durchgehen:

Was ist damals geschehen?
Zunächst einmal kam Jesus wieder nach Kapernaum, auf hebräisch Kfar Nahum also Nahums Dorf, das ist eine Stadt am See Genezareth, in der er sich häufiger aufhielt, so häufig, dass Matthäus es auch "seine Stadt" nennt.
Da sprach es sich natürlich herum, dass er wieder da war, und eine ungeheure Menge Menschen strömte zusammen, um ihn zu hören.

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass es damals weder Fernsehen noch Radio gab, keine Schallplatten, kein Kino, schon gar kein Internet. - Da war es eine willkommene Abwechslung, wenn jemand öffentlich redete oder gar lehrte.

Auf heutige Verhältnisse umgedacht hieße das, da spricht unser Heiland in einer völlig überfüllten Stadthalle oder Kongresshalle. Weil bei weitem nicht alle darin Platz finden, sind auf dem Vorplatz Großbildwände aufgebaut, damit man auch von außen das Geschehen im Innern verfolgen kann.

Jetzt naht in einem Autokonvoi ein Krankenwagen mit einem Bettlägerigen. Dessen Begleitung ist tief gläubig und möchte, dass auch er Jesus hören kann.
Aber man lässt sie nicht zu ihm vor, der Saal ist ja bereits überfüllt. Da fährt kurzerhand einen großen Kran vor, man bricht das Dach auf, direkt über dem Podium, damit nicht Zuschauer von herunterfallenden Brocken gefährdet werden, und hebt den Krankenwagen so mir nichts, dir nichts von oben hinein.

So in etwa könnten wir uns das heute vorstellen.
Freilich, damals war es etwas einfacher:
Die Häuser waren kastenförmig, mit Flachdach und mit Außentreppe zu diesem Dach hinauf. Wände und Dach bestanden aus Lehmziegeln mit Holzgerüst, so dass das ganze bei Regen schnell undicht und zerbrechlich wurde.
- Und anders als hier bei uns in Andalusien waren Einbrecher nicht darauf angewiesen, zu beobachten, wo ein Fenster offen stand oder eine Tür nicht ordnungsgemäß verriegelt war, sie brachen einfach die Lehmmauer auf und brachen also - im wahrsten Sinne des Wortes - durch die Wand ein.

Während die Begleiter fest im Glauben standen, war der Kranke wegen seiner Lage derart verzweifelt, dass er wiederum am Lebenssinn und am Glauben gezweifelt hatte. Das mündete in eine Anklage gegen Gott beziehungsweise in die Frage, ob es ihn überhaupt gibt.
Er hatte sich schließlich vom Glauben abgekehrt, sich von Gott abgesondert.

Von dem Wort Sondern leitet sich das Wort Sünde ab.
Er war also zum Sünder geworden durch die Trennung von Gott.

Können wir ihn deshalb verurteilen?
Wären uns in einer derartigen Lage nicht ebensolche Gedanken und Zweifel gekommen?
Wir hadern doch alle schon aus weit geringerem Anlass mit unserem "Schicksal", wie wir es vielleicht nennen: wenn wir einmal Schmerzen haben, wenn wir bei einer Beförderung übergangen werden,
oder wenn wir andere leiden sehen: Denken wir an die Katastrophen der letzten Monate, den Tsunami in Südostasien, den Hurrikan Kathrina bei New Orleans oder das schwere Erdbeben in Kaschmir.


Da hatte der Gichtbrüchige als unmittelbar selbst betroffener, der regungslos auf seiner Matte liegen musste, sicher mehr Grund aus Verzweiflung an Gott zu zweifeln.


Bei dem ungeheuren Aufwand, den die Begleiter getrieben hatten, war leicht zu erkennen, wie fest sie glaubten im Gegensatz zu dem Kranken. Das sah nun natürlich auch Jesus. Und deswegen sagte er zu dem Ungläubigen: "Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben."

Weiter heißt es in unserem Text, in der Menge der Zuhörer Jesu seien auch Schriftgelehrte gewesen, die ihm (in Gedanken) Gotteslästerung vorwarfen: Niemand außer Gott könne Sünden vergeben. So war im damaligen Judentum die Auffassung.
Aber Jesus konnte es dennoch tun; denn er ist Teil des dreieinigen Gottes.
Daher konnte er auch die Gedanken lesen. Und er wirkte durch sein Wort, sein schöpferisches Wort: Und er sprach … .
So wird auch früh im Markusevangelium darauf hingewiesen, dass Jesus Gott ist - Sie werden sich sicher erinnern, dass damit das Johannesevangelium beginnt.
"Am Anfang war das Wort" "Und das Wort ward Fleisch".

Und dann vollbringt Jesus das Wunder!
Jesus spricht zu dem Kranken: "Nimm Dein Bett und gehe heim!"

Ist so etwas möglich? In dem Text steht etwas von einem Gichtbrüchigen. Was ist das? Ich kenne diese Diagnose sonst nicht.
In neueren Übersetzungen ist die Rede von einem Gelähmten.
Da fällt es mir schwer, als naturwissenschaftlich ausgerichtetem Mediziner, zu verstehen, dass so etwas möglich sei, einen solchen Menschen zu heilen.
Bei einem Gelähmten sind Nervenzellen oder Nervenbahnen zugrunde gegangen und daher die betreffenden Muskeln verschmächtigt. Tote Nervenzellen regenerieren sich nicht - und selbst wenn, dann wäre lange Physiotherapie erforderlich, bis Bewegung und sogar Belastung möglich sind.

Aber gerade das beinhaltet ja das Wunder, dass Dinge geschehen, die naturwissenschaftlich nicht erklärbar sind. Sonst wären sie ja keine Wunder.

Und Markus will uns sagen, dass Jesus so ganz nebenbei ein Wunder vollbringt, das sichtbar ist, das alle umstehenden erkennen können, um zu zeigen, dass er auch das andere Wunder vollbracht hat, dass dem Gichtbrüchigen nämlich die Schuld, die Sünde vergeben ist.
Es ist wie bei einem Sakrament, bei dem ja auch unter sichtbaren Zeichen unsichtbare Gnaden zuteil werden.

Selbst wenn einige von uns es nicht glauben könnten, dass Jesus den Kranken geheilt hat, bleibt doch die Bedeutung des Wunders bestehen; denn die Bibel ist kein weltliches Geschichtsbuch, in dem Fakten aneinandergereiht werden. Das Markusevangelium, der älteste Teil des Neuen Testaments, ist immerhin mindestens rund 50, wahrscheinlich 70, Jahre nach den Ereignissen aufgezeichnet worden, manche behaupten sogar über tausend Jahre später. In jedem Fall war die Zeitspanne lang genug, dass sich die Erinnerung an die Ereignisse verwischt haben konnte.

Die Bibel ist kein Tatsachenbericht. Dafür finden sich zahlreiche Beispiele. Das sieht man schon ganz zu Anfang. Im 1. Buch Mose stehen gleich hintereinander zwei Schöpfungsberichte, die sich großenteils völlig widersprechen. Schon Darvin hat uns gezeigt, dass der Mensch nicht aus einem Erdklumpen gemacht worden ist.
Aber trotzdem sind wir Gottes Geschöpfe, auch wenn wir aus der Evolution hervorgegangen sind!
Die Bibel will nicht behaupten, so war es, so ist es für alle Zeiten zu denken, wie auch sich das jeweilige Weltbild ändern mag, sondern die Bibel will, dass wir uns immer fragen: Was steckt dahinter? Sie will dadurch unseren Glauben wecken!
Paulus schreibt an die Korinther: "Der Buchstabe tötet aber der Geist macht lebendig."

Lassen Sie mich an dieser Stelle eine Anekdote einfügen:
Ein Pfarrer gab einem anderen eine Ohrfeige und sagte: Du weißt ja, was in der Bibel Matthäus 5, 39 steht: Wenn dir jemand einen Schlag gibt auf deine rechte Backe, dam biete auch die andere dar!
Der andere aber versetzte ihm einen Gegenschlag und sagte: Wiederum steht geschrieben Matthäus 7, 2: Mit welchem Maß ihr messt wird euch gemessen werden.
Jemand der sah, wie die Pastoren sich schlugen, fragte einen Zuschauer, was das zu bedeuten habe. Jener sagte: Gar nichts. Die hohen Herren legen einander nur die Schrift aus.

Sie erinnern sich an unseren heutigen Text?
Der Gichtbrüchige kam sicher nicht, um geheilt zu werden. Er war ja vom Glauben abgefallen. Er hatte sich sicher nur von seinen gläubigen Freunden mitschleifen lassen, um Jesus sehen und hören zu können, allenfalls noch, um dadurch Trost zu bekommen.

Jesus konnte in seine Seele, in sein Herz - oder wenn Sie an diese beiden "Organe" nicht glauben - in sein Innerstes sehen.
Und darum hat er ihn geheilt und ihm seine Sünden vergeben.
Denn die Sünden sind viel schlimmer als Krankheit!
Krankheit kann zwar sogar zum Tode führen - aber sterben müssen wir schließlich alle einmal.
Die Sünde jedoch führt zur Trennung von Gott. Deswegen ist es wichtiger, diese loszuwerden. Wie tröstlich ist es da, dass sie vergeben werden kann!
Und zwar durch ein Wort!
Das Wort Gottes kann uns befreien.
Auch wenn heute für die meisten von uns wohl sichtbare Wunder noch nicht geschehen sind, ist es doch ungeheuer tröstlich, zu wissen, dass Gott - wie auch sein eingeborener Sohn - unsere Sünden vergeben kann.

Und das ist der zentrale Punkt unserer heute gehörten Geschichte!
Jesus will den Menschen ganz heilen, zu dieser Ganzheit gehört auch die Gottesbeziehung eines Menschen.
Für Christen wird einer erst dann wirklich heil, wenn er die heilende Nähe Gottes erfährt und darin Vergebung findet.
Die Heilung des Kranken und sein Heil können nicht getrennt werden.

Unser Gichtbrüchiger stand also auf, nahm sein Bett und ging hinaus.
Über irgendein Zeichen von Dankbarkeit ist in keinem der Texte die Rede, weder bei Markus noch bei Matthäus oder Lukas, die auch über diese Geschichte berichten.

Gott erwartet von uns also keine Gegenleistung. Er stellt keine Bedingungen.
Seien wir ehrlich: Wir würden unser Gegenüber doch zu etwas verpflichten.
Wir würden sagen: Kauf soundso viele Ablassbriefe, bete soundso oft ein bestimmtes Gebet, sei in Zukunft immer hübsch artig und hübsch fromm.
Er heilt, er erlöst uns allein aus seiner Liebe, er vergibt uns, auch wenn uns Menschen verurteilen sollten.

Gott lässt sich von niemandem hereinreden. Er ist unser allmächtiger Herr, der uns geschaffen hat aus Liebe. Diese Liebe lässt er walten, auch wenn wir von ihm abfallen, wenn wir sündigen - wie wir es in unserem heutigen Predigttext vernommen haben.

Die Umstehenden aber "entsetzten" sich alle laut Luther.
In diesem Punkt finde ich modernere Übersetzungen verständlicher (Ich kann den griechischen Originaltext nicht beurteilen). In neueren Bibeltexten finden wir, "sie waren ganz außer sich", "alle erstaunten" oder "sie erschraken".
Sie lobten und priesen Gott, für sie war klar, dass nur Gott dies getan haben konnte. Womit sie wahrscheinlich die Heilung meinten. Und geht es uns nicht ebenso? Bewundern nicht auch wir, dass Gott einen unheilbaren gesund gemacht hat?

Die größere Tat allerdings ist sicher die Vergebung der Sünden, auch wenn diese nicht sichtbar ist.
Aber darüber hatten wir ja schon gesprochen und ich möchte mich nicht wiederholen.

Und darum möchte ich schließen mit der Gewissheit: Gottes Güte und Gnade zählen.



Amen.





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Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)