Deutschsprachiges Evangelisches Pfarramt an der Costa del Sol - online
Startseite

Grußwort

Gottesdienste

Predigten

Predigtplan

Gottesdienste
passiert...notiert...
und Fotos
Veranstaltungen
Wissenswertes
Kontakt und Anreise

 <>< Predigt
von Günther Tittmann, Prädikant
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Günther Tittmann)

Gottesdienst am 6. November 2005

Schwerter zu Pflugscharen

Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster Berg der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen die Völker. Viele Nationen machen sich auf dem Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf auf dem Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung, aus Jerusalem kommt das Wort des Herrn.
Er spricht Recht im Streit vieler Völker, er weist mächtige Nationen zu Recht (bis in die Ferne). Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr den Krieg.

Micha 4, 1-4

Siehe jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe jetzt ist der Tag des Heils.

Liebe Gemeinde!

Frieden auf Erden, nie wieder Krieg, keine Waffen in deutschen Händen, von deutschem Boden darf nie wieder ein Krieg ausgehen. So oder so ähnlich argumentierte man nach den schrecklichen Erfahrungen des zweiten Weltkrieges.

Es leuchtet uns ein, dass es so etwas nie wieder geben darf. Zu groß waren die Zerstörungen. Zu viele Menschen bezahlten mit ihren Leben. Zu viele Menschen waren verkrüppelt worden an Seele und Leib.

In Dresden mahnte die Ruine der Frauenkirche noch bis vor kurzem an jene grausamen Ereignisse. Auch wenn in der vergangenen Woche die neu erstandene Frauenkirche mit viel Freude ihrer gottesdienstlichen Bestimmung zugeführt werden konnte, so mahnt immer noch jene schreckliche Vergangenheit. Und das ist gut so.

Hunger, Kälte, Obdachlosigkeit, Gewalt, Vergewaltigung, Kriegsgefangenschaft, Verletzungen, Krankheit, Geldentwertung, Perspektivlosigkeit, wirtschaftliche Katastrophen und Zerstörung wohin das Auge blickt.

Erzählungen von Erlebnissen Kriegsüberlebender hören sich wie Horrorgeschichten an. So zum Beispiel die Menschen, die als brennende Fackeln sich in die Elbe flüchteten und dort entweder ertranken oder durch weitere Bomben den Tod erlitten. Derartige Grausamkeiten könnten wir hier an dieser Stelle ohne Ende erzählen.

Aus jenem Land, von welchen die Bomber kamen, die Dresden zerstörten, kam auch das Kuppelkreuz für die nun neu erstandene Frauenkirche.
Erst Bomber - dann Kuppelkreuz? Erst Vernichtung - dann Versöhnung?

Im Jahre 1956 schenkte die damalige UdSSR der UNO ein Denkmal des sowjetischen Künstlers Jewgeni Wutschetisch, welches in New York aufgestellt worden war. Die Plastik verkörpert einen Schmied, der ein Schwert bearbeitet, dessen Ende in einem Pflug umgewandelt ist. Sie haben das Bild vor sich. Die Idee zu diesem Denkmal entstammt den heutigen Bibeltext aus Micha 4.

Schauen wir uns dieses Bild ein wenig an.

Schwerter zu Pflugscharen Ein Mann formt sein Schwert zu einem Pflug - ein Kriegsgerät zu einem Arbeitsgerät, mit welchen der Ackerboden bearbeitet werden kann. Es dient letztendlich der Ernährung.
Sein Schwert als Nahkampfwaffe wird zweckentfremdet. Der Mann trägt außer einer Badehose keinerlei Kleidung und schon gar nicht eine Uniform. Vielleicht hat er sie gerade abgelegt. So gesehen verrichtet er geradezu schutzlos vor Angriffen sein Werk. Seine ganze Konzentration, um nicht zu sagen seine Hingabe, ist einzig und allein dem einen Ziel gewidmet - die Umformung des Schwertes zu einem Pflug. Kraftvoll erhebt er den Schmiedehammer, um mit Einsatz seines ganzen Körpers sein Werk zu vollenden. Die Energie, die er vorher dem "Kriegsgeschäft" gewidmet hat, dient jetzt der Vernichtung von Vernichtungswaffen und der friedlichen Nutzung aller Kraft- und Energieressourcen.

Welch wunderbare Botschaft!

Natürlich wirft diese Botschaft Fragen auf. Können wir in einer Welt der Feindseligkeiten uns soweit entblößen, dass es keinen Schutz mehr gibt?
Wie ist es mit dem Terrorismus? Kann dem nur mittels Gewalt begegnet werden? Wäre es nicht verantwortungslos, alles Kriegsgerät einzustampfen?

Der Künstler gestaltet dieses Denkmal als Mahnmal vor dem Hintergrund der schrecklichen Kriegs- u. Nachkriegserfahrungen und im Hinblick auf das sich gerade herausbildende Kräfte- und Muskelspiel aufeinander prallender unterschiedlicher gesellschaftlicher und militärischer Blöcke. Der Beginn des sogenannten kalten Krieges. Er drückt eine uralte Sehnsucht der Menschen und eine prophetische Vision aus, wie sie uns auch in Micha 4 beschrieben wird.

Lassen Sie mich noch ein wenig erzählen, welche Rolle dieses Symbol "Schwerter zu Pflugscharen", vor allem seine Botschaft, in unserer deutschen Geschichte gespielt hat. Ich möchte jetzt nicht eine politische Geschichtsstunde halten, auch wenn das vielleicht zuweilen diesen Eindruck erwecken könnte. Ich möchte zeigen, wie solche prophetischen Visionen - Visionen von Frieden und Gewaltfreiheit - die Botschaft Gottes - Geschichte schreiben kann. Danach werde ich auf den biblischen Hintergrund unseres Textes eingehen.

Im Februar 1982 war ich als Bausoldat in der Offiziershochschule Kamenz stationiert. Bausoldaten waren Leute, die ihren Militärpflichtdienst ohne Waffe ableisteten. Wehrersatzdienst gab es in der DDR nicht.
Auf unseren Schulterblättern trugen wir einen kleinen goldenen Spaten. An jenem Februar 1982 war große Aufregung in der Kaserne. Alle nur irgendwie abkömmlichen Personen dieser Einrichtung wurden nach Dresden abkommandiert, um dort alle öffentlichen Räume wie Gaststätten einfach mit "Masse" zu füllen. Man wollte mit einer künstlich organisierten "Verstopfung" Dresdens eine Zusammenkunft von Leuten blockieren, die mit Kerzen der Zerstörung Dresdens gedenken und mit dem Symbol "Schwerter zu Pflugscharen" gegen die stattfindende Aufrüstung von Mittelstreckenraketen mahnen wollten.

Sie waren junge Christen.

Wir Bausoldaten hatten während dieser Zeit Ausgangsperrre, da wir in Anbetracht der momentanen Situation mit unseren goldenen Spaten als militärisches Dienstzeichen nur zur "Störung" der Öffentlichkeit beigetragen hätten - so die Meinung der damaligen Oberen. Uns jedenfalls wollte man in Dresden nicht dabei haben. Also wurde für uns " Stallpflicht" angeordnet.
Trotz der massiven Blockade der Sicherheitskräfte versammelten sich an der Ruine der Frauenkirche 3000 junge Menschen mit Kerzen unter dem Motto "Frieden schaffen ohne Waffen".
Das Leitsymbol dieser Bewegung war unser heutiges Bild. Keine Gewalt - das war die Botschaft, die Grundsatz der demonstrierenden Jungen Leute war. Sie formierten sich zu einem Gottesdienst und es erklang das Lied "Dona nobis pacem" auf Dresdens Straßen.
Das verblüffte die Gegenseite einigermaßen, da man eher Revolte ähnliche Entwicklungen befürchtete. Hohe Beamte der Staatssicherheit bedankten sich später bei Bischof Hempel für den friedlichen Ausgang dieser Demonstration.

Diese Bewegung mündete in die friedliche Oppositionsbewegung, die dann tragende Kraft der Ereignisse vom Herbst 1989 wurde.

Bei allen Ereignissen war es dieses Symbol - Schwerter zu Pflugscharen, welches zur Gewaltfreiheit mahnte. Leute, die es anders wollten, fanden keine Resonanz.

Die Montagsdemonstrationen und andere derartige Zusammenkünfte waren keine Folkloreveranstaltungen, sondern der Ausbruch von Gewalthandlungen lag oft sehr nahe. Waren es die vielen Gebete und die Botschaft von Micha 4, welche sich wie ein roter Faden durch diese Epoche zogen, die Schlimmes verhinderten?
An diesem Wort und der Geschichte einer friedlichen Revolution können wir buchstabieren, wie Wort Gottes Geschichte zu schreiben vermag.

Wenn wir die Worte aus Micha 4 hören, so könnte man denken, das schreibt ein Mann, der möglicherweise den Bezug zur Realität verloren hat. Ein Eremit vielleicht - zurückgezogen aus dem Alltag - darüber nachsinnend, wie es wohl mit dieser gottlosen Welt weiter gehen soll. Weit gefehlt!


Der Hintergrund unseres Textes vor fast 2700 Jahre kommt uns eigentlich sehr bekannt vor.
Das Volk Israel, geteilt in ein Nordreich und ein Südreich befindet sich inmitten dreier Machtblöcke: Im Süden Ägypten , im Osten Babylon und im Norden Assyrien. Assyrien entwickelt sich zur Weltmacht und führt umfassende Eroberungskriege.
Das Nordreich Israel ist schon erobert und zum Teil deportiert. Dem Südreich droht ein ähnliches Schicksal.
Die innere Situation des Südreiches Juda ist geprägt von Machtpoker, Betrug und Korruption. Von außen bedroht und innerlich zerrissen - in diese Situation hinein spricht der Prophet Micha die Worte seiner Vision. Scheinbar völlig unpassend, denn von Frieden kann wohl jetzt keiner reden, höchstens nur davon träumen.

Lebst du noch oder träumst du schon, würden wir Micha zurufen. Wie kannst du jetzt - gerade jetzt mit solch einer Vision "Schwerter zu Pflugscharen" aufwarten. Das unterminiert unsere Verteidigungsbereitschaft.
Micha ist kein Stratege, er ist ein Prophet und darf über die Zeitereignisse und Zeitgrenze hinwegsehen bis hinein in das Friedensreich. Ja, sie gibt es noch, die Hoffnung, auch wenn jetzt alles so trostlos ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Es geht hier nicht um eine vage Hoffnung, nicht um eine überragende menschliche Tugend, sondern um das Vertrauen auf Gott bis in alle Ewigkeit.
Der Prophet resümiert mit seiner Vision vom Frieden, dass das letztendlich keines Menschen Werk sein kann. Nur wenn Gott das Lebenszentrum füllt, entfaltet sich Frieden, nur mit Gott in der Mitte wird der Mensch fähig, sein Kriegsgerät in einen Pflugschar umzuwandeln.
Ist Gott selbst Richtschnur unsere Lebens, so können wir die Schritte auf dem Weg des Friedens gehen lernen.

In der Weihnachtsgeschichte hören wir die Engel singen (Lukas 2, 14):
Verherrlicht ist Gott in der Höhe und auf Erden ist Frieden bei den Menschen seiner Gnade.
Frieden kann nur als Initiative Gottes verstanden werden, als Geschenk welches wir annehmen dürfen und sich so weiter Frieden umsetzen kann.

Jesus sagt zu seinen Jüngern (Lukas 14, 27):
Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt gebe ich euch.

Ich möchte Sie einladen zu dem Geschenk des Friedens für Ihr persönliches Leben, so dass er wachsen und schon jetzt und hier Gestalt annehmen kann.
Siehe jetzt ist der Tag der Gnade, siehe jetzt ist der Tag des Heils.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.



Amen.





Zur Startseite      Zum Anfang dieser Seite

Zuletzt geändert am 22.04.2007 von: (fp)