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 <>< Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrer Friedhelm Peters,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Friedhelm Peters)

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Gottesdienst am 6. September 2009

Der barmherzige Samariter

25 Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen, fragte er ihn: Meister, was muß ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen? 26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz? Was liest du dort? 27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deiner Kraft und all deinen Gedanken, und: Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst. 28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach, und du wirst leben.
29 Der Gesetzeslehrer wollte seine Frage rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen. 31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging weiter. 32 Auch ein Levit kam zu der Stelle; er sah ihn und ging weiter.
33 Dann kam ein Mann aus Samarien, der auf der Reise war. Als er ihn sah, hatte er Mitleid, 34 ging zu ihm hin, goß Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. 35 Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.
36 Was meinst du: Wer von diesen dreien hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde? 37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der, der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle genauso!

Lukas 10, 25-37

Liebe Gemeinde!

1.1 Einer der bekanntesten Texte der Bibel lädt uns heute ein, unseren Platz in der Erzählung zu finden. Wo stehen wir zwischen den Beteiligten: Täter, Opfer, Ignoranten und Helfer? Wer sind wir?

1.2 Automatisch tippen wir natürlich auf den barmherzigen Samariter. Wir wissen wie die Geschichte ausgeht. Wir wissen, dass er es gut macht. So möchten wir sein. Und wenn wir selbst nicht so sind, dann werden zumindest von unseren Steuern und Spenden die Service-Dienste vom Samariter-Bund bei erste Hilfe Einsätzen bezahlt. Also - tun wir weiter Gutes oder lassen es tun. Unsere Rolle ist geklärt. Klappen wir den Deckel der Geschichte zu. Wir haben unseren Platz.

1.3 Halt, sagt da der Text. Nichts ist dagegen einzuwenden, Gutes zu tun und darin dem Samariter nachzufolgen. Im Gegenteil. Jesus sagt genau dies: Handle genauso! Doch es geht auch noch um mehr.

1.4 Hier steht ein Streitgespräch im Hintergrund, worin das Gute denn besteht, das wir tun sollen. Und hinter dieser Frage steht die Klärung, wie ewiges Leben erworben wird. Und dahinter wird noch gefragt, ob Jesus dazu eigentlich etwas Neues zu sagen hat. Ein großer Kreis von Themen. Trauen wir uns, den Kreis der Fragen abzuschreiten. Die Geschichte vom Samariter hat Tiefgang.


2.1 Jesus wird von einem jüdischen Gelehrten gefragt, was ein Mensch tun muss, damit ihm ewiges Leben zuteil wird. Das ist die Kernfrage jedes Glaubens. Wie werde ich als Mensch so verwandelt und erneuert, dass mein Leben vor Gottes Heiligkeit Bestand hat, ich jetzt und in Ewigkeit mit Ihm lebe. Sagt Jesus dazu etwas Neues, was man im jüdischen Glauben nicht kannte? Eine gute Frage.

2.2 Die Antwort ist eine Gegenfrage. Sehr typisch bis heute für das jüdische Gelehrtengespräch. Was steht im Wort Gottes? Der jüdische Gelehrte hatte viel darüber nachgedacht. Seine Antwort verrät dies. Denn er bringt zwei Bibelworte zusammen, die nicht zusammen stehen: Gottesliebe (Dtn 6,5). Menschenliebe (Lev 19,18). Und Jesus sagt: Du hast richtig kombiniert.

2.3 Hier könnte die Erzählung zu Ende sein. Jesus und sein jüdischer Glaubensgelehrter unterscheiden sich nicht in der zentralsten Glaubensfrage: Wie bekomme ich ewiges Leben? Liebe Gott und deinen Nächsten. Das meint: Lieben wir Gott recht, dann ist das eine Haltung, die auch als Liebe zum Nächsten aus unserem Herzen fließt. Es ist die Haltung von Ehrfurcht zu Gott und Barmherzigkeit zum anderen. Der Katechismus ist damit geklärt, das Streitgespräch beendet.


3.1 Doch es ist nicht Schluss. Denn Jesus sagt noch: Tue das. Und damit fängt das Dilemma an. Denn wenn man sich in der grundlegenden Frage nach dem ewigen Leben auch einig ist, bleibt die Frage doch, wie man das realisiert.

3.2 Wie liebe ich meinen Nächsten? Gibt es dafür nicht große Unterschiede in meiner Barmherzigkeit, je nachdem wie nah mir der Nächste ist? Meine Familie muss ich doch anders behandele als meine Freunde, und die anders als meine Nachbarn und die wieder anders als meine Nächsten, die mir auf der Straße als Fremde begegnen. Und sind die nicht wieder anders zu behandelt als die Nächsten, von denen ich heute in der Einen Welt höre. Nächste sind mir alle. Aber nicht jeder Nächste ist mir gleich nah. Wer bestimmt das Maß der Barmherzigkeit? Wie verteile ich meine Liebe? Und dass die nicht für alle gleich sein kann, zeigt ein kleines Beispiel:
Da saß eine Therapiegruppe in einem Stuhlkreis und alle sollten aussprechen, was sie belastet. Eine Frau sagte mit gesenktem Kopf: Niemand liebt mich. Ein Mann gegenüber reagiert: Doch, ich liebe dich. Die Frau wusste gar nicht, wie ihr geschah. Sie blickte verwundert und scheu-beglückt auf, schaute ihn etwas verlegen an - und der Mann sagte: Ich liebe doch alle Menschen; warum sollte ich ausgerechnet dich nicht lieben? - Das kommt dabei heraus, wenn ich den nahen Nächsten und den fernen Nächsten nicht unterscheiden kann. Dem Fehler möchte der Pharisäer entgehen.

3.3 Es mag die Frage nach dem ewigen Leben geklärt sein: Gottesliebe und Nächstenliebe. Aber es ist nicht klar, wie ich das leben kann. Das Wissen habe ich wohl. Allein es scheitert in der Tat. Wie kann ich alle Nächsten lieben? Die Frage ist gut: Wer ist mein Nächster?

3.4 Wir wissen, dass Berthold Brecht sich im "Guten Menschen von Sezuan" mit dieser Frage der Geschichte vom barmherzigen Samariter auseinander gesetzt hat. Seine Antwort war einfach. Es geht nicht. Der gute Mensch von Sezuan, der alle lieben wollte, musste sich aufspalten. Er lebte am Ende einen harten Unternehmertypen, der seine Umwelt ausbeutete, um dann in eine Rolle des barmherzigen Wohltäters zu schlüpfen, in der er Gutes tat. An dieser Spaltung zerbrach er. Und Brechts Antwort: Man kann nicht gut sein in einer bösen Gesellschaft. Und was sagt Jesus?


4.1 Wir wissen, dass Jesus in dieser Geschichte die Rollen einfach umdreht. Er erzählt vom Opfer aus. Der Verletzte weiß, was er braucht und wer ihm damit zum Nächsten wird. Er fragt zum Schluss, wer dem Verwunderten der Nächste wurde. Und das war dieser Samariter.

4.2 Jesus gibt hier keinen Schlüssel zur gerechten Aufteilung unserer Liebe. Bis dahin musst du so viel geben, bis dahin so viel. Und ab diesem Punkt musst du gar nichts mehr machen.
Das hat vielleicht sein Gegenüber erwartet, weil er so dachte. Zuständigkeiten klären.
Und das ist auch oft unser Überlebensmuster. Damit gingen auch der Priester und der Levit an dem Verletzten vorbei. Ich bin nicht zuständig. Das gehört nicht zu meinem Bereich. Dafür sind andere da. Und es ist sogar etwas Richtiges daran. Was würde passieren, wenn sich jeder plötzlich für alles zuständig empfinden würde. Es gäbe ein Chaos.
Doch es gibt Momente, wo keiner zuständig ist. Und da ist nicht die Regel, nicht die Zuständigkeit, sondern die Liebe gefragt, die anpackt.
Ich soll nicht an der Straße beim Verletzten halten, wenn Krankenwagen und Arzt schon da sind. Aber wenn ich der erste bin, dann bin ich dran.


5.1 Woher ich weiß, wann ich jemandem Nächster bin? Die Antwort Jesu ist klar.
Wenn jemand oder etwas vor meinen Füßen liegt und nicht vor denen anderer. Dann bin ich dran.
Und wenn es mich jammert. Er hatte Mitleid, heißt es in der Übersetzung. Splanchnizomai steht hier im Griechischen, ein Wort, was im Lukasevangelium für das Erbarmen Gottes steht. Damit empfing der Vater den verlorenen Sohn. Als er ihn sah, jammerte es ihn.

5.2 Wenn ich Gott liebe und Seine Liebe zurück bekomme, erlebe ich Splanchnizomai, diese Barmherzigkeit. Ich spüre sie in der eigenen Seele. Es fließt von oben ein. Es wurzelt. Es wächst. Du liebst mich, Herr! Es fließt wieder aus. Und wenn dafür der Anlass vor den eigenen Füßen liegt, dann greife ich zu. Es ist der Durchlauf von Gottesliebe zur Nächstenliebe.

5.3 So lebte Jesus. So war ER. In Ihm gab es diesen Weg von der Gottesliebe zur Nächstenliebe. Das meint: Ich bin der Weg. Erlebe es an Mir. Lebe es selbst. Tue dies, dann wirst du leben, ewig leben, sagt ER dem Fragenden. Jesus ist wie der barmherzige Samariter. ER stellt sich damit selbst vor. Und anders als Brecht meint ER könnte es gelingen, barmherzig zu sein und zu leben, in der Barmherzigkeit Gottes sogar ewig zu leben, sogar über den Tod hinaus.

5.4 Wenn Gottes Liebe mein Herz trifft, dann richtet sich meine Seele zu Ihm auf. Du, Herr, bist für mich da. Du gibst mir wie der barmherzige Samariter dem unter die Räuber gefallenen Öl und Wein, Linderung und Heil, Wegbegleitung wo ich nicht laufen kann und keinen Weg sehe. Am Ende bezahlst Du, was ich schuldig bin. Wer das erlebt, dessen Seele kommt aus der egoistischen Falle heraus, nur zu fragen: Was habe ich davon? Komme ich hier gut weg? Meine Seele richtet sich zu eben diesem Licht in Jesus. Und wer sich darin aufhält, der wird dies Licht in Ewigkeit genießen, ewiges Leben.

5.5 So sagt uns die Geschichte vom barmherzigen Samariter, wie wir Gutes nicht nur wissen, sondern auch tun sollen. Sie sagt uns aber auch noch, wie wir in dem barmherzigen Samariter Jesus ewiges Leben finden.



Amen.



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Zuletzt geändert am 02.09.2009 von: (fp)