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1. Advent 2010
von Pfarrer Friedhelm Peters,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Friedhelm Peters)

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Gottesdienst am 28. November 2010

"Macht hoch die Tür", Evangelisches Gesangbuch 1

Ein Psalm Davids.
1 Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.
2 Denn er hat ihn über den Meeren gegründet und über den Wassern bereitet.
3 Wer darf auf des HERRN Berg gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte?
4 Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lug und Trug und nicht falsche Eide schwört:
5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heiles.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs.
7 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
8 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit.
9 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!
10 Wer ist der König der Ehre? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehre.

Psalm 24

Liebe Gemeinde!

1.1 Es ist gut, das alte Adventslied vor seinem biblischen Hintergrund zu begreifen. Man sagt, es sei im Orient nicht selten gewesen, dass man, um einem Gast zu zeigen wie willkommen er sei, die Türen aus den Angeln gehoben habe. Was für eine Geste! Nichts soll den Einzug behindern oder im Wege stehen. Da ist Freude und Vertrauen. - Geraten wir noch so aus dem Häuschen in der Erwartung unseres Herrn? Kann der König der Ehren, der lebendige Gott, so bei uns einziehen?

1.2 Wie diese innere Glaubenserwartung sich nach außen auswirken kann sehen wir an unserem Adventslied. Es führt uns in eine hochbrisante politische Lebenswelt, die viele hinter diesen Versen nicht vermuten. Das Lied bezieht eindeutig Stellung. Klarer geht es nicht.

1.3 Georg Weissel, Pfarrer (1590-1635) an der Altroßgärtner Kirche in Königsburg in Ostpreußen, dichtete vor 387 Jahren - etwa 12 Generationen - zur Adventszeit 1623 die Zeilen dieses Liedes "Macht hoch die Tür". Die Veröffentlichung kam einem politischen Selbstmord gleich. Wir befinden uns mitten im 30 jährigen Krieg, der seit 5 Jahren in Europa tobte und von Spanien bis Ungarn Landflächen in Schutt und Asche legte.
Was war geschehen?


2.1 Die Gegenreformation war im vollen Gange, die Rückgewinnung der protestantischen Gebiete unter die Herrschaft des Papstes. So mancher der Herrschenden brachte unter diesem großen Konflikt sein eigenes Interesse unter.

Ferdinand II.

Ferdinand II.
Ferdinand II. betrieb sowohl als König von Böhmen (1617-1619) wie auch als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches (1619-1637) intensiv die Gegenreformation. Durch diese Rekatholisierungspolitik provozierte er 1618 den so genannten Prager Fenstersturz, der den Böhmischen Aufstand gegen die habsburgische Herrschaft auslöste; der Böhmische Aufstand wiederum mündete schließlich in den Dreißigjährigen Krieg.

2.2 Im Osten flammte der Widerstand auf. Aus Protest gegen König Ferdinands II Rekatholisierungsmaßnahmen in Böhmen warfen 1618 böhmische Aufständische zwei Beamte Ferdinands aus einem Fenster der Prager Burg. Dieser so genannte Prager Fenstersturz war Beginn des Böhmischen Aufstandes, der dann im Dreißigjährigen Krieg eskalierte.
Die Böhmen setzten Ferdinand im August 1619 ab und erhoben Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz zu ihrem neuen König. Doch eine Woche später (am 28. August 1619) wurde Ferdinand zum König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches gewählt. Er verbündete sich mit Bayern und der katholischen Liga und besiegte in der Schlacht am Weißen Berg (1620) die Böhmen. Er setzte Friedrich wieder ab, verstärkte seine Rekatholisierungsmaßnahmen, zog die Güter protestantischer Adliger ein und zwang sie so zur Auswanderung.
Noch lange blieb der Friede aus.

2.3 Christian IV, König von Dänemark, greift ein - und wird geschlagen. Im Frieden von Lübeck (1629) wird festgehalten, dass die Heere Wallensteins und Tillis Norddeutschland unterwarfen.

2.4 Gustav II Adolf, König von Schweden, greift ein, indem er 1630 in Pommern landet. Sein Sieg von Breitenfeld (1631) bringt zunächst protestantischen Gewinn. In der Schlacht von Lützen gegen Wallensteint stirbt er (1632).

2.5 Und was war das Ergebnis?
Pest und Seuchen überziehen das Land, Aberglauben und Hexenverbrennung bestimmten das Glaubensklima. Armut und Not quälte die Bevölkerung. Die Moral verfällt rapide: Mord und Stehlen regieren im Alltag. Und über allem lag der große Zweifel an diesem Krieg.
Der Zeitgenosse Friedrich von Logau sagt das so: Lutherisch, päpstlich und calvinistisch, diese Glauben alle drei sind vorhanden. Doch der Zweifel ist, wo das Christentum denn sei.


3.1 In diese Welt hinein dichtet der Königsburger Pastor Georg Weissel sein Lied.

3.2 Strophe 1: Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt … Kaiser Ferdinand?, Christian IV?, Gustav II Adolf? … der Herr der Herrlichkeit. Ist das der Kaiser? Ist das sein Gegner? Ein König aller Königreich. Das ist keiner von unseren Herrschern. Ein Heiland aller Welt zugleich. O nein. Der Heil und Leben mit sich bringt. Nein, das haben wir noch nicht erlebt. Wo unsere Könige auftraten zog Unheil und Tod ein. Der halben jauchzt mit Freuden singt. Dieses Jauchzen und Singen haben wir satt. Es war doch stets nur Anfang neuer Tränen. Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich von Rat.

3.3 Es gibt einen König, der Leben mit sich bringt, sagt Georg Weissel. Und Staatskritik schwang mit: Wider alle göttliche Anmaßung von Kirche und Staat. König aller Königreiche ist nicht Kaiser, nicht König und nicht Papst. Es ist der eine Herr. Dem macht das Tor auf.


4.1 Strophe 2: ER ist gerecht, ein Helfer wert ... .
Es gibt nur einen Helfer, so sagt das Lied. Wider alle falschen Versprechungen. Wider alle Lügen der Mächtigen. Wider die Propagandareden der päpstlichen und der protestantischen Parteiungen. Und woran kann man das erkennen?

4.2 Sanftmütigkeit ist sein Gefährt. Sein Königskron ist Heiligkeit, sein Zepter ist Barmherzigkeit.
Das ist ein anderer König. Von Ihm können wir erwarten: All unsere Not zum End Er bringt. ER lebt nicht auf unsere Kosten. ER trug unsere Kosten und gab Sein Leben für uns. Das ist Ideologiekritik gegen alle falschen Versprechungen.


5.1 Strophe 3: O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat.
Das sollte es geben? Ein König ist da und es ist trotzdem gut? In der Regel galt das immer nur für ein paar Bevorzugte, die davon profitierten. Die anderen bezahlten mit Enteignung oder sogar mit dem Leben.

5.2 Es gibt nur einen Frieden, sagt das Lied. Nicht die Konfessionen, sondern ihr Herr macht Frieden. Das ist Religionskritik. Keiner hat das absolute Wort. Die Freudensonne leuchtet nur bei einem, dem Herrn, dem Tröster.


6.1 Strophe 4: Es gibt nur eine Weise seines Kommens. Nicht Prunk, nicht Heere machen es aus, sondern Herzen, die offen sind. Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, euer Herz zum Tempel zubereit.

6.2 Das ist Machtkritik. Wie ließ man sich feiern mit Fahnen und wedelnden Zweigen. Nein. Gottseligkeit, Anbetung Gottes, nicht Anbetung der Macht, sei der Weg zum Frieden.


7.1 Strophe 5: Bekenntnis schwarz, Bekenntnis rot. So ging es hin und her je nach politischer Macht. Nein, sagt das Lied. Es gibt nur ein Bekenntnis. Meins Herzens Tür Dir offen ist.

7.2 Das ist Zeitkritik. Nicht Menschen führen die Geschichte. Dein Heiliger Geist uns führ und leit den Weg zur ewigen Seligkeit.


8.1 Staatskritik, Ideologiekritik, Religionskritik, Machtkritik, Zeitkritik - das ist der Hintergrund der fünf Strophen unseres Kirchenliedes. Es besingt den einzigen Herrn, den wir zu Advent erwarten. Gegen Pest, Aberglauben, Not, Verfall und Zweifel und die Herrscher der damaligen Zeit hält es an IHM fest. Macht hoch die Tür - IHM. Keinem anderen.

8.2 Wir sollten den Mut und Glauben sehen, der in diesen Zeilen mitschwingt. Und wir sollten es anstimmen, wenn wir den Mut und Glauben brauchen, den richtigen Dingen die Tür zu öffnen. Vor allem dem richtigen Herrn, IHM.


Amen.


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Zuletzt geändert am 26.11.2010 von: (fp)