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4. Advent 2010
von Pfarrer Friedhelm Peters,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Friedhelm Peters)

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Gottesdienst am 19. Dezember 2010

"Es kommt ein Schiff geladen", Sudermanns seltenes Marienlied

Es kommt ein Schiff geladen

Liebe Gemeinde!

1.1 Die Spuren dieses Liedes führen uns nach Straßburg. Nicht weit vom Straßburger Münster lag damals, im 17. Jahrhundert, der sogenannte Bruderhof. Das war eine Schule, unterhalten von den Domherren des Münsters. Der Vorsteher dieser Schule zu Beginn des 17. Jahrhunderts war Daniel Sudermann. Das war eine merkwürdige Gestalt. Er schwärmte für Jesus, völlig unorthodox, damals ein Anstoß für jede rechtgläubige Kirchenleitung. Und zudem war er ein Narr, ein Büchernarr um Christi willen. Denn nicht Gelehrsamkeit suchte er in den dicken Folianten und kostbaren Handschriften. Den Weg zu Christus suchte er in den Schriften der alten Mystiker. Tagelang, nächtelang konnte er in den Bibliotheken sitzen und sich in ihre Schriften vertiefen. Und was ihm wichtig war, schrieb er sich auf in ein Heft.

1.2 Eine Bibliothek hatte es ihm besonders angetan. Das war die Bibliothek des ehemaligen Nonnenklosters St. Nicolaus. Das lag am Rande der Stadt auf einer der kleinen Inseln, der Insel Krautenau, umgeben von zwei kleinen Armen der Ille. Hier konnte Sudermann immer wieder einen alten Bekannten treffen: Johannes Tauler. Nicht leibhaftig natürlich, denn dieser Tauler war schon 250 Jahre tot. Nein, aber hier hatte er gewohnt, im Kloster St. Nicolaus, im Gartenhaus. Hier hatte er gepredigt, hier war er auch nach langer Krankheit gestorben. Und vor allem: In der Bibliothek standen viele Bücher, die er geschrieben hatte. Und nach jedem Besuch Sudermanns in St. Nicolaus wurde ihm deutlicher: Dieser Tauler, dieser Mystiker, dieser Mönch und Prediger des 14. Jahrhunderts will das gleiche wie ich: ganz einig sein mit Christus.

1.3 Immer wieder führte Sudermann der Weg dort hinaus ins Kloster St. Nicolaus zwischen den Wassern, vorbei am Münster, durch die schmalen Gassen, vorbei an St. Stefan, und dann über die Stefansbrücke, über einen der vielen Arme der Ille. Von dort konnte man schon den kleinen Dachreiter der Klosterkirche sehen. Dann war es nicht mehr weit. Dann schloss er sich ein in der Bibliothek und nichts konnte ihn mehr stören.

1.4 Dieses Mal hatte er einen Folianten, ein dickes Buch mit Gedichten und Liedern zur Hand genommen und aufs Lesepult gelegt. Wunderschön geschrieben von Nonnenhand, jede Seite ein kleines Kunstwerk. Lieder und Gedichte - voller Liebe, Liebeslieder zu Christus. So manches hatte Sudermann schon in sein Heftchen geschrieben, als er erneut umblätterte und ein Lied las, das scheinbar gar nicht hierher passte: "Es kommt ein Schiff". Ein Schiff? Ein Schifferlied? Nein. Sudermann las weiter: "Trägt Gottes Sohn voll Gnaden". Voll Gnaden? Dass kannte er aus dem Engelgruß: "Gegrüßet seist du, Maria, voller Gnaden".

1.5 Das Schiff, das sollte wohl Maria sein. Die trägt den Sohn, die bringt ihn an Land, die bringt ihn zur Welt. Sie wird bewegt von Gott, von seiner Liebe und von seinem Geist, Mast und Segel.

1.6 Trotzdem - ein geheimnisvolles Bild. Lange träumte sich Sudermann in dieses Bild hinein. Nickerte er gar ein wenig ein? Er träumte sich in eine vergangene Zeit, in die Gestalt von Johannes Tauler.


2.1 Der Traum: Ein Wintermorgen. Tauler geht wie er der durch die Stadt Straßburg nach St. Nicolaus zwischen den Wassern, vorbei am Münster, vorbei an St. Stefan. Morgennebel, am Fluss noch dichter. Und auf der Stefansbrücke stehen zwei Jungen. Als Tauler die Brücke schon überquert hat, eine Stimme: Du, sieh mal ein Schiff, es kommt ein Schiff! Das war einer der Jungen gewesen. Tauler dreht sich um, ja da tauscht ein Schiff aus dem Nebel. Und eine andere Stimme: Sieh mal, es ist beladen, bis oben hin. Langsam kommt das Schiff näher, immer deutlicher, unter der Brücke hindurch, kurz darauf legt es an.

2.2 Eine ganze Weile hat Tauler so gestanden, die zwei Jungen waren schon auf und davon. Dann macht auch Tauler sich auf. Ein verschlafener, nebeliger Morgen. Noch lange klingen ihm die Worte der Jungen im Ohr. "Du, sieh mal, ein Schiff, es kommt ein Schiff." Und dann …


3.1 Sudermann wachte auf aus seinem Traum. Er musste gehen. Gerade noch Zeit, das Lied zu Papier zu bringen. In den nächsten Wochen bedachte er dieses Lied immer wieder haben. Immer tiefer nahm er dieses Bild in sich auf.
Und dann begriff er: Das Schifferlied ist ein Adventslied, ein Lied von Jesu Kommen. Ein Liebeslied auf Jesus. Und ein Marienlied, die Mutter Jesu, die ihm irdisches Leben schenkte.

3.2 Das Suchen dieses Forschers Sudermann und die Jesusliebe dieses Mystikers, sie haben uns die Zeilen unseres Adventsliedes erhalten.


4.1 Es kommt ein Schiff geladen. Aus dem Nebel der Geschichten dieser Welt taucht die eine Geschichte auf: Das Kommen des Erlösers. Wie ein Schiff, ein Rettungsschiff. Maria, sie bringt IHN zur Welt. Es ist eine teure Last. Doppeldeutig ist dieses Wort. Für uns zum Segen: Erlösung und Heil. Für IHN Kreuz und Tod. Das kann nur die Liebe Gottes planen und der Heilige Geist machen. Das Segel ist die Liebe, der Heilige Geist der Mast. Das Boot macht fest. Der Anker haft' auf Erden: Weihnachten. Das Wort will Fleisch uns werden. ER wird geboren. Der Sohn ist uns gesandt. -
EG 8, Strophe 1- 3 singen.

4.2 Und dann erzählt er die Weihnachtsgeschichte in knappen Worten. Zu Bethlehem geboren, im Stall ein Kindelein, gibt sich für uns verloren. Und dann gibt er den Zeilen den Stempel seiner Jesusliebe: Gelobet muss es sein. -
EG 8, Strophe 4 singen.


5.1 Nachdenklich war dieser Sudermann, ein Suchender. Und so wollte ihm bei diesem Lied eines nicht einleuchten.

5.2 Die letzte Strophe liebte er besonders: Und wer dies Kind will küssen, auf seinen roten Mund, der empfängt große Freude, von ihm zu derselben Stund. So hieß es in den Aufzeichnungen.
Das wollte er gerne, dieses Kind küssen. Da wäre er mit Christus ganz eins. Und seine Jesusliebe wäre am Ziel.
Aber geht das so einfach? Hatte er nicht gerade bei dem Mystiker Tauler gelernt, dass man erst mit Christus leiden, sterben muss, um aufzuerstehen, ganz eins zu werden mit IHM? Der Kuss hat Konsequenz. Den Leidensweg schließt er mit ein.

5.3 Und so setzte Sudermann an, diese Strophe neu zu schreiben. Es wurden zwei daraus, die jetzt in unserem Gesangbuch stehen.

5.4 Und wer dies Kind mit Freuden, umfangen, küssen will, muss vorher mit ihm leiden, groß Pein und Marter viel. - Ja, das ist die geistliche Realität der Jesusliebe. So ist die Nachfolge des Herrn. Freude und Schmerz, Frieden und Kampf, Erlösung und Leid. So erlebte es Maria. So sagte es Tauler. So erfährt er es selbst. -
Danach mit IHM auch sterben, und geistlich auferstehn. Das ewig Leben erben, wie an IHM ist geschehen. - Knapp beschreibt er so das Leben Jesu. Seine Passion. Seine Auferstehung. Und auch unsere Nachfolge: Wie ER so wir.

5.5 In der Krippe ist schon das Kreuz. Die Beine der Krippe haben das Zeichen des Kreuzes. Im Jubel der Engel ist schon die Armut des Verstoßenen. - Er guckte sehr genau hin, dieser Sudermann. Er kannte die Schrift. Er ließ diesen Teil nicht weg.

5.6 Oftmals werden diese sperrigen letzten Strophen nicht gesungen. Das passe nicht zum seligen Advent. Doch Sudermann weiß, dass Seligkeit nicht ohne diesen Jesus, die Liebe zu IHM, und den Preis der Hingabe von IHM und zu IHM zu haben ist. Deswegen gehören sie dazu. -
EG 8, Strophe 5 und 6 singen.


Amen.


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Zuletzt geändert am 17.12.2010 von: (fp)