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Sonntag Septuegesimae
von Prädikantin Gisela Johannes

(Rückmeldung oder Frage an
Prädikantin Gisela Johannes)

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Predigt am 20. Februar 2011

Kein Sklave Gottes

7 Wenn einer von euch einen Sklaven hat, der pflügt oder das Vieh hütet, wird er etwa zu ihm, wenn er vom Feld kommt, sagen: Nimm gleich Platz zum Essen?
8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Mach mir etwas zu essen, gürte dich, und bediene mich; wenn ich gegessen und getrunken habe, kannst auch du essen und trinken.
9 Bedankt er sich etwa bei dem Sklaven, weil er getan hat, was ihm befohlen wurde?
10 So soll es auch bei euch sein: Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen wurde, sollt ihr sagen: Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan.

Lukas 17, 7-10

Liebe Gemeinde!

in unserem Gesangbuch fand ich ein Gedicht in dem es heißt:

Nicht, dass ich
es lese, um es
zu lesen, ich
habe nur das
unverschämte Glück
am Tropf dieser
Worte zu hängen.

(E. Zeller)

"Am Tropf dieser Worte zu hängen." Das klingt medizinisch betrachtet nach lebenserhaltenden Maßnahmen. Gemeint sind hier aber die lebensförderlichen Worte der Bibel, die heilbringend in mich hineintropfen, und das ist mein "unverschämtes" Glück. So sieht es die Autorin, und ich denke, dass wir ihr grundsätzlich zustimmen können.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen heute bei unserem Predigttext ergangen ist. Ob Sie da auch so ein "unverschämtes" Glück empfunden haben? Mich hat dieser Text beim ersten Lesen provoziert und geärgert. Worte wie "Sklave", "Knecht" oder "unnütz" sprangen mich an und riefen Widerstand hervor. Ist so eine Welt nicht längst Geschichte? Worte wie "unnütz" im Zusammenhang mit menschlicher Existenz, möchte niemand mehr in den Mund nehmen, das entspricht nicht unserem Weltbild, unserem Selbstverständnis.

Ein schroffer Text wartet da auf uns mit fremden Bildern, über die es nachzudenken gilt.
Jesus spricht in diesem Gleichnis über die Beziehung zwischen Herrn und Sklave. Letzterer habe seinen Besitzer in allen Lebenslagen zu bedienen. Erst wenn alle Arbeit verrichtet ist, darf der Sklave auch an sich denken. Dank und Anerkennung gab es dafür nicht. Die Übersetzung des griechischen Wortes "doulos" ist in den verschiedenen Bibelübersetzungen unterschiedlich. "Doulos" bedeutet Sklave, Luther spricht vom Knecht, andere von Mitarbeiter.
Wie dem auch sei, die Welt der Slaven scheint im 21. Jahrhundert passé. Offiziell existiert in keinem einzigen Staat dieser Erde Sklaverei, sie wurde weltweit abgeschafft. Jedem aufmerksamen Fernsehzuschauer und Zeitungsleser fällt allerdings auf, dass das so nicht stimmen kann.

Unter Sklaverei versteht man einen Zustand, in dem Menschen als Eigentum anderer behandelt werden, um Zugriff auf ihre Arbeitskraft zu erlangen.
Sklaven haben keine Rechte.
Sklaverei ist ein beachtlicher Wirtschaftsfaktor.
Die Hilfsorganisation Terre des Hommes, die weltweit den Finger auf Missstände aller Art legt, hat 2006 einen Bericht veröffentlicht, nach dem heute 12 Millionen Menschen als Sklaven betrachtet werden können. Davon sind 6 Millionen Kinder und Jugendliche.
Heutige Sklaverei meint Kinderarbeit in Pakistan, Indien, Bangladesh oder Haiti. Es geht um Menschen im Tourismusgeschäft in Südostasien, um Zwangsprostitution in Europa, um Kinderarbeit auf den Kakaoplantagen in der Elfenbeinküste. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Heutige Informationsquellen sprechen von 27 Millionen Menschen, die unter sklavenartigen Umständen schuften.
Die Welt der Sklaven ist gnadenlos und unmenschlich. Der Mensch wird zur Ware. Das ist gottlos. Ob man sie Sklaven oder Knechte nennt, auch heute gibt es diese Welt.

Aber was hat das mit Vers 10 unseres Predigttextes zu tun, in dem Jesus zu bedenken gibt: "Wenn Ihr alles getan habt, was Gott Euch befohlen hat, dann sagt: wir sind Diener, sonst nichts, wir haben nur getan, was uns aufgetragen wurde." Heißt das, wir seien Sklaven Gottes?

Schaue ich auf den Kontext des Gleichnisses, so lesen wir in Lukas 17, Vers 5 und 6, dass die Jünger Jesus bitten, er möge ihren Glauben stärken. Vielleicht trägt das zur Klärung unserer Textstelle bei. Jesus entgegnet ihnen: Wenn euer Vertrauen auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, dann könnte es einen Maulbeerbaum entwurzeln und ihn zum Wasser wandern lassen.

Kann der Glaube das? Wir hoffen es! Stellen Sie sich vor, Sie würden gefragt wie groß Ihr Glaube ist. Ich persönlich würde es für mich nicht wagen, ihn einzuschätzen. Ist mein Glaube eine kleine Leuchte oder dazu geeignet, Maulbeerbäume zu verpflanzen?
Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Auch ein kleiner Glaube, der den Zweifel kennt, kann viel bewirken. Jesus ermutigt uns, nicht ständig auf unseren Kleinglauben zu starren, sondern den Mut zu haben, Gott zu vertrauen.

Und was bedeutet das für unseren Predigttext? Gott, der Herr unseres Lebens, kann und will durch uns, seine Diener, wirken. Unser Glaube führt uns zum Handeln. Gott gibt uns Aufgaben. Wir setzen sie um. Wir sind Gottes Hände und Füße. Wir sind sein eigen.
Darin trifft das Bild vom Sklaven, wie Jesus es damals gebrauchte. Sein Wille wird unserer. Seine Absicht wird unsere. Seine Aufgaben werden unser Tun.
Doch anders als im Bild vom Sklaven geschieht dies nicht durch Beherrschung oder Unterdrückung.
Gott zwingt nie. Das erste was er schenkt ist Freiheit. Weil wir an Gott glauben, tun wir aus freiem Entschluss, was er von uns erwartet. Wir sind Kinder Gottes, seine Freunde, nie seine Sklaven.

Eine Folge: als Gottes Freunde und Mitarbeitende brauchen wir nicht ständig nach seiner Anerkennung zu schielen oder sie sogar einzufordern. Sie ist uns bereits zuteil geworden. Freiwillig stehen wir in seinem Dienst. Freiwillig und aus Überzeugung gehorchen wir seinen Geboten.
Helfen wir Menschen in Not, dann entspricht das unserem Glauben. Wir tun dies nicht, um Bonuspunkte vor Gott zu sammeln. Wir möchten nichts mit ihm abrechnen in dem Sinne: Ich tue etwas für dich, Gott. Jetzt musst du, Gott, auch für mich da sein.
Nie sind wir Sklaven Gottes. Aber wie damals Sklaven nicht mit ihrem Herrn verhandelten, kommt keiner in der Nachfolge Jesu auf die Idee, mit Gott eine Rechnung über gute Taten und geleistete Dienste aufzumachen. Denn Gott schenkt uns zuerst seine Liebe. Sie versuchen wir anderen weiter zu geben. Dazu kam Jesus Christus für uns in die Welt. Ihm folgen wir nach.

Es ist merkwürdig, dass wir Menschen immer wieder fragen, was unser Tun uns bringt, sogar gegenüber Gott. Dabei schenkt uns Gott unser Leben. Warum fragen wir nicht: was bringt uns unserem Schöpfer näher? Müssen wir uns vor ihm nicht eines Tages verantworten?

In dem vorliegenden Gleichnis möchte uns Jesus zu verstehen geben, dass wir im Vertrauen auf Gott seine Gebote und seinen Willen umsetzen sollen - in aller Freiheit und mit aller Konsequenz. Im Vaterunser bitten wir darum, dass sein Wille auf Erden durch uns und an uns geschehe. Grundlage dafür ist keine göttliche Sklaverei, sondern das freie Geschenk von Gottes großer Liebe. Aus innerer Motivation heraus werden wir tätig. Der Heilige Geist schenkt sie uns. Er inspiriert uns, setzt uns in Bewegung.

Ob wir uns in sozialen Projekten engagieren, in Alten- oder Jugendkreisen mitwirken, einen Kirchenkaffee organisieren oder ein offenes Ohr für Neuankömmlinge haben - wir folgen damit Jesus nach. Das gibt unserem Leben Sinn und Würde und eine Aufgabe.

Das Vertrauen in Gott und die Umsetzung seines Willens ist ein ungeheures Glück, nicht Sklaverei. Darüber hinaus brauchen wir keine Anerkennung.


Amen.



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Zuletzt geändert am 22.01.2011 von: (fp)