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16. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrer Friedhelm Peters,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Friedhelm Peters)

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Gottesdienst am 9. Oktober 2011

Wege aus dem Schmerz

21 Das will ich mir zu Herzen nehmen, darauf darf ich harren:
22 Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, sein Erbarmen ist nicht zu Ende.
23 Neu ist es an jedem Morgen.
Groß ist deine Treue.
24 Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele, darum harre ich auf ihn.
25 Gut ist der Herr zu dem, der auf ihn hofft, zur Seele, die ihn sucht.
26 Gut ist es, schweigend zu harren auf die Hilfe des Herrn.
31 Denn nicht für immer verwirft der Herr. 32 Hat er betrübt, erbarmt er sich auch wieder nach seiner großen Huld.


Klagelieder 3, 22-26.31-32

Liebe Gemeinde!

1.1 Kennen Sie das? Sie gehen am Strand, freuen sich an Sonne und Wind. Aua!, schreien Sie plötzlich. Es hat Knack gemacht. Ihnen reißt es im Rücken als hätte Sie ein Messer getroffen. Jeder Schritt tut weh. Sie wissen nicht den Kopf zu drehen. Höllische Schmerzen bei jeder Bewegung. Wie komme ich bloß nach Hause. Und das am schönen Strand am weiten Meer.

1.2 Schmerzen sind seltsam. Es gibt nahezu keinen Menschen, der keine Schmerzen hat. Und doch sind Schmerzen völlig unvergleichbar. Keiner kann sagen: Mir tut es mehr weh als dir. Schmerzen kennen keinen objektiven Maßstab. Jeder findet seine schlimm. Schmerz lässt mich allein sein. Auch damit macht er mich schwach.

1.3 Es gibt nichts, was nicht Schmerzen bereiten kann. Nicht nur die Krankheit, die uns quält. Der erfrischende Wind kann zu vehementen Kopfschmerzen führen. Die schöne Sonne kann die Haut verbrennen. Die leckersten Pilpil mit Knoblauch in Olivenöl können Gallenkoliken machen. Der wunderbare Flug bringt mir die dickste Erkältung, wenn die Klimaanlage im Flugzeug zu stark eingestellt ist. Der beste Freund oder Partner kann mich krank machen mit seiner Art.

1.4 Schönes kann zum Schmerz werden, wenn es nicht passt. Meist tut es dann viel mehr weh als alles andere, was uns nicht sehr berührt.

1.5 Mit so etwas haben wir es in unserem Text zu tun. Hier leidet jemand an seinem Glauben. Gott tut weh. Es handelt sich dabei um eine Erfahrung, die - zugegebener Maßen - nicht häufig öffentlich ausgesprochen wird. Denken wir doch bei Gott an Gutes, an Halt, Vertrauen, Frieden. Und das ist gut. Aber es stimmt auch was wir sagten: Alles was uns nah kommt kann weh tun, auch Gutes. Von einer solchen Erfahrung mit Gott redet unser Text. Der Gottesschmerz, so können wir unser Wort überschreiben. Und wir schauen, welche Wege weiter führen. Wege aus dem Schmerz.


2.1 Ich bin der Mensch, der Leid erlebt hat durch die Rute Seines Grimms. ER -Gott - hat mich getrieben und gedrängt in Finsternis, nicht ins Licht. Täglich von neuem kehrt ER die Hand nur gegen mich (1-3). Mit diesen Worten beschreibt der Autor seine Gotteserfahrung. Wie kann das sein?

2.2 Der Verfasser zitiert die Tagebücher des Propheten Jeremia. Das macht manches deutlich.

2.3 Da stand der Prophet im Vorhof des Tempels und blickt auf die Säulen, die ins Heiligtum führen. Dort wird das tägliche Opfer der Fürbitte für das Volk dargebracht. Dort stehen die Zeichen der Gegenwart Gottes: Der siebenarmige Leuchter, der Brandopferaltar. Alles Zeichen des Heils.
Doch in seinem Herzen jubelt es nicht. Er weint. Keiner der verantwortlichen Priester und Regierungsmitglieder hörte. Haltet nicht nur äußerliche eure Riten, sagt der Prophet. Hört auf Gottes Stimme. Folgt Ihm mit euren Herzen! So hatte er geworben und gefleht. Lasst von jeder falschen Bündnispolitik mit den Feinden. Ungehört waren seine Worte zwischen den Säulen des Tempels verhallt. Die Realpolitik hatte alles weggewischt.

2.4 Und wenig später stand der Prophet wieder an dieser Stelle. Noch standen die Säulen. Doch sie führten in ein leeres Heiligtum. Die von ihm angekündigte Zerstörung des Landes, Tempels und des Heiligtums war eingetreten. Gott hatte die Verbannung Seines Volkes zugelassen. Sie waren Gott nicht mehr gefolgt, jetzt mussten sie ihren Unterdrückern folgen. Er hatte traurig Recht behalten. Das Heiligtum war leer, das Volk zog in die babylonische Gefangenschaft.

2.5 Der Prophet hatte dort gestanden und Ungehorsam angeklagt. Jetzt stand er wieder hier, nicht triumphierend: Ha, habe ich doch gesagt. Jetzt klagt er über den Verlust. Er steht wie im Zweifrontenkrieg: Gegen den Unglauben der Menschen und das Unrecht, das daraus folgt, und gegen das Leid und die Konsequenzen, die Gott zulässt. Beides erdrückt ihn. Ich bin der Mensch, der Leid erlebt hat durch die Rute Seines Grimms. Er trägt den Schmerz durch Menschen, er trägt den Schmerz durch Gott. Das ist sein Zustand. Wo ist da Hilfe?


3.1 Vielleicht kennen Sie solche Augenblicke, wo die Erde und der Himmel einzustürzen drohen. Sie haben um etwas Gutes gekämpft. Dann scheint es, als ob nicht nur das Gegenteil hereinbricht. Es scheint so, als ob der Himmel sich gegen Sie verbündet hätte. Viele Menschen kennen im Geheimen einen solchen Zweifrontenkrieg.

3.2 Sie mühen sich um Recht und tun das mit Liebe. Und dann werden Sie von anderen so hingestellt, als seien Sie der letzte Intrigant. Und sie können sich noch nicht einmal mehr wehren. Gott, warum ergeht es dem Guten oft so schlecht!

3.3 Sie bemühen sich um die Bewahrung der Schöpfung. Warum sind Menschen und Staaten so nachlässig? Und dann kommt noch obendrein ein Tsunami, der Tausenden das Leben kostet. Wo ist die Verantwortung der Menschen? Wo ist die Güte Gottes?

3.4 In der Kirche ist das oft nicht anders. Sie beten um die Erneuerung der Menschen und mühen sich darum. Wer honoriert das schon, wer sieht es. Und dann entsteht als Antwort noch eine dicke Krise, die alles erschüttert. Ist das die Antwort Gottes auf die Gebete? Zweifrontenkrieg des Glaubens. Schmerzen durch Menschen, Schmerzen durch Gott.


4.1 Es gibt verschiedene Lösungsstrategien im Angesicht von Leid. Gott sei Dank hat man in den letzten Jahren viel darüber geforscht, wie Schmerzvermeidung möglich wird. Es ist interessant zu sehen, was der Prophet macht. Wie wertvoll ist der Einblick in sein Tagebuch. Drei Schritte in die Freiheit.

4.2 Es gibt ein Patt des Herzens, das uns lahm legt. Ich kann nichts machen. Aus dieser Lähmung löst der Prophet sein Herz ein Stückchen weit heraus. Doch flieht er nicht, vergisst auch nicht. Ganz deutlich fängt er an, die Not exakt zu beschreiben. Er schaut sie an. Er spricht sie aus. Wie eine Selbstbesinnung gibt er jeder Seite Worte. Er bleibt nicht stumm. Was stumm macht lässt er sprechen. Das ist der erste Schritt zur Freiheit.

4.3 Und dann folgt das Nächste. Nach der Standortbestimmung folgt die Frage: Wo ist der Weg? Der Weg, der aus dem Schmerz führt? Links Not, rechts Not. Wo geht es hin?
Sein Wille hat es fest gespeichert. Ihn lässt er jetzt ans Ruder seines Lebens. Ihm gibt er Oberhand: Ich will mir das zu Herzen nehmen (21). So sagt er. Es ist die Erinnerung an das, was half und zählte. Seine Ressourcen. Da will ich wieder hin. Das ist der zweite Schritt zur Freiheit, dem was ich will den ersten Platz einräumen.

4.4 Und dann folgt unser Wort. Ganz zaghaft müssen wir das hören. Es ist wie ein Gebet, doch ganz in Hoffnung. Es richtet sich an alle Teile seines eigenen Herzens, die noch wie tot sind, wie unter Wasser, wie gefangen. Es sind Worte, die er zum Himmel richtet. Mach das doch wahr, Herr. Du, Du hörst doch!
22 Die Huld des Herrn ist nicht erschöpft, und Sein Erbarmen ist noch nicht zu Ende.
23 Neu ist es jeden Morgen.
Groß ist Deine Treue.
24 Mein Anteil ist der Herr, sagt meine Seele, darum harre ich auf Ihn.
25 Gut ist der Herr zu dem, der auf Ihn hofft, zur Seele, die Ihn sucht.
26 Gut ist es, schweigend auszuharren auf Seine Hilfe.
31 Denn nicht für immer verwirft der Herr.
32 Hat er betrübt, erbarmt Er sich auch wieder nach Seiner großen Huld.

4.5 Hören wir diese Worte. Sie sind das Gebet eines starken Glaubens in großer Schwäche. Wie ein dritter Schritt zur Freiheit führen sie nach vorne. Langsam, behutsam, in der Geschwindigkeit wie Gott antwortet, führen sie zurück ins Leben.

4.6 Pack die Ressourcen aus, die du in Gott hast. Halte sie Gott entgegen. Es ist ein Kampf Gottes gegen Gott. Ein Kampf der Güte Gottes gegen erfahrenen Schmerz. Lass das Lied die Mitte deines Herzens sein: Groß ist Deine Treue, o Herr.


5.1 Etwas bleibt noch besonders an diesen alten modernen Worten. Im Zusammenhang des Textes erinnern sie sehr an Jesu Worte am Kreuz. Verlassen von Menschen und einsam vor Gott ist keine Stimme da, die hilft. So hat es auch der Herr erfahren. Der Gottesschmerz ist Kreuz-Erfahrung.

5.2 Doch das ist nicht das Ende. Wir sehen es beim Propheten, wir sehen es bei IHM, dem Herrn, dem Auferstandenen. Gott hat Seine Lösungen. Wir werden es auch in unserem Leben erfahren.

5.3 In dieser Hoffnung wollen wir bleiben und uns erinnern, wenn es nötig wird: Lähmung lösen, wollen was hilft, im Gebet auf die Güte des Herrn trauen.

Amen.


Die Güte des Herrn hat kein Ende Die Güte des Herrn hat keine Ende,


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Zuletzt geändert am 04.10.2011 von: (fp)