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Ewigkeitssonntag
von Pfarrer Christof Meyer,
Costa del Sol

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Pfarrer Christof Meyer
Pfarrer Friedhelm Peters

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Gottesdienst am 20. November 2011

Ewigkeitssonntag

Liebe Gemeinde!

gerne würde ich sie fragen, was Sie mit dem heutigen letzten Sonntag im Kirchenjahr verbinden. Sind Sie gewohnt, diesen Sonntag Totensonntag zu nennen oder eher Ewigkeitssonntag? Welche Bräuche gibt es an Ihrem jeweiligen Herkunftsort an diesem Tag und welche Gefühle und Stimmungen verbinden Sie mit ihm?

Wenn ich an meine eigene Kindheit denke, dann steigen Bilder hoch von nasskalten, nebligen, grauen, trüben Tagen (ganz anders als heute hier an der Costa del Sol). "Heute ist ein richtiges Totensonntagswetter" höre ich meine Mutter sagen, wenn sie morgens die Vorhänge aufzog. Und meist mussten wir Kinder nachmittags mit den Eltern auf den Friedhof zum Grab unseres Großvaters. Da haben wir eine Kerze angezündet, die den grauen Tag ein wenig heller gemacht hat und die Eltern haben uns Kindern gesagt, dass der Opa jetzt im Himmel ist.
Pastor Peters hat einige von Ihnen heute ganz speziell zu diesem Gottesdienst eingeladen, die Sie im vergangenen Kirchenjahr von einem lieben Menschen Abschied nehmen mussten.
In meiner Gemeinde in Stuttgart ist das heute ebenso. Für jeden Verstorbenen wird dann vor dem Altar eine Kerze angezündet, wie wir das heute hier auch tun. Und am Nachmittag gibt es in meiner Stuttgarter Gemeinde eine Andacht auf dem Friedhof inmitten der Gräber.
Als Pfarrer spürt man die Trauer, erinnert sich an manches Trauergespräch. Jeder Name auf einem Grabstein ist verbunden mit einer Geschichte und einem Abschied. Man lässt noch einmal an all die Bestattungen im Lauf des Jahres an sich vorüberziehen und möchte gerne etwas Tröstliches über den Tod sagen.

Etwas Tröstliches sagen über den Tod möchte ich auch Ihnen heute mit meiner Predigt. Doch klingt der Predigttext, der uns vorgegeben ist, zunächst einmal gar nicht tröstlich. Nein, man möchte eher erschrecken vor diesen drastischen Worten im 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums, doch hören Sie selbst. Jesus stellte diese Frage:

Wer ist ein treuer und kluger Verwalter, den der Herr über seine Leute setzt, damit er ihnen zur rechten Zeit gibt, was ihnen zusteht? Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, das tun sieht. Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.
Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr kommt noch lange nicht und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen, dann wird der Herr dieses Knechtes kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.
Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt, hat aber nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden müssen. Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden.
Denn wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.

Liebe Gemeinde, wenn ich diesen Bibeltext höre, dann sehe ich vor meinem inneren Auge Szenen aus dem Film "Das erste Evangelium" von Pierre Paolo Pasolini. Ein Schwarz-Weiß Film von 1964, gedreht in einer kargen süditalienischen Landschaft, ausschließlich mit Laiendarstellern. Dieser Film zeigt einen radikalen Jesus, der mit seiner kompromisslosen Botschaft konsequent seinen Weg geht.
Letzte Woche las ich über Pasolini, der im November 1975 ermordet wurde: "Triebfeder in Pasolinis Schaffen ist der Zorn, der sich gegen das Verwerfliche im Menschen wendet". Ist das auch die Triebfeder unseres heutigen Predigttextes?

Es ist mitnichten das "liebe Jesulein", das heute Morgen aus dem Lukasevangelium zu uns spricht, nicht der sanfte Jesus, wie ihn im 19. Jahrhundert die Nazarener gerne dargestellt haben, was wir heute oft als kitschig empfinden.
Seltsam und widerständig klingen seine Worte, gerade für diesen Tag, an dem wir der Menschen gedenken, die in den vergangenen Monaten verstorben sind.
Wenig tröstlich, viel eher eindringlich, unnachgiebig, aufrüttelnd, so klingen seine Worte nach:

"Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern".

Kompromisslos und scharf weist Jesus uns darauf hin, dass etwas von uns gefordert wird.

Der Abschnitt, in dem dieser Predigttext steht, hat in meiner Lutherbibel die Überschrift "Vom Warten auf das Kommen Christi". Unmittelbar davor hat Lukas eine Forderung gesetzt, die nicht weniger radikal ist: "Verkauft, was ihr habt und gebt Almosen", sagt Jesus dort. "Macht euch Geldbeutel, die nicht veralten, einen Schatz, der niemals abnimmt, im Himmel, wo kein Dieb hinkommt und den keine Motten fressen. Denn wo euer Schatz ist, da wird auch euer Herz sein."
Ich denke, einigen wird dieses Bibelwort inzwischen sehr vertraut sein, es war die Losung des Kirchentags, der dieses Jahr in Dresden stattgefunden hat. (Dort hat sich ja auch das Deutschsprachige Pfarramt an der Costa del Sol präsentiert, wie ich gesehen habe).
In Dresden wurde der Bibelvers mit einem eindrücklichen Logo verbunden, den beiden Händen, die ein Herz formen. Ich möchte dieses Logo gerne aufgreifen, sozusagen mit diesem Logo auf unseren heutigen Predigttext zu schauen.
Denn was ich Ihnen heute zeigen möchte, ist, dass auch der zornige Jesus der uns in dieser Bibelstelle entgegentritt der liebende Jesus ist, ja mehr noch: dass sein Zorn aus seiner Liebe entspringt.

Der amerikanische Philosoph Sam Keen spricht von der "Heiligen Entrüstung" als einer elementaren Emotion des Glaubens. Ich vermute, Sie alle kennen dieses Gefühl, diese Entrüstung. Sie ist die Kehrseite der Liebe. Sie regt sich, wenn wir bemerken, dass gegen die heilige Pflicht verstoßen wird, den Mitmenschen als Mitmenschen zu achten.

Und ich meine, genau das ist es, was der Herr im Gleichnis empfindet als er zurückkehrt und sieht, was der Knecht tut. Dieser behandelt die ihm anvertrauten nicht als Mitmenschen, sondern als Objekte. Er kümmert sich nicht um sie, sondern fängt an, sie zu schlagen um selbst zu prassen uns sich vollzusaufen.
So ist der Knecht im Gleichnis ein Symbol für eine Welt, in der die Ehrfurcht vor dem Leben fehlt.
In einer solchen Welt:
werden unschuldige Menschen geschändet und ermordet,
werden in Konzentrationslagern vernichtet,
werden Menschen als Selbstmordattentäter auf Unschuldige losgelassen,
werden Kinder als Soldaten in den Krieg geschickt,
werden Regenwälder vernichtet,
werden unzählige Tierarten ausgerottet,
wird die Landschaft verbaut und vergiftet, werden Milliarden von Menschen wirtschaftlich ausgebeutet.

Diese traurige Litanei ließe sich endlos fortsetzten. Wir wären in dieser Kirche heute Abend noch nicht fertig, wenn wir jetzt zusammentragen würden, was jeder und jedem dazu einfällt und auf der Seele lastet.
Im Gleichnis verdichtet Jesus diese ganzen Schreckensbilder in der Figur des Knechts, der seiner Verantwortung nicht gerecht wird. Ihn trifft der heilige Zorn des Herrn bei seiner Wiederkunft.
Und jetzt verstehe ich, warum er ihn in Stücke hauen lässt. Weil in Gottes Welt kein Platz ist für Menschenverachtung und Mitleidlosigkeit.

Martin Luther hat immer wieder betont, dass der Zorn Gottes die Kehrseite seiner Liebe ist. Denn Gott muss angesichts all dessen was für die Liebe destruktiv ist, zornig werden. So will das Gleichnis uns sagen: Das Leiden, der Hass, die Ausbeutung, das Seufzen der Kreatur, all das ist Gott nicht gleichgütig. Das ganze Elend erreicht sein Herz, erregt sein Mitleid und erweckt seinen heiligen Zorn.

Liebe Gemeinde, wenn ich nun weiter aus der Perspektive des Herzens das Gleichnis betrachte, dann möchte ich fragen, warum es uns gerade heute am Totensonntag als Predigttext gegeben ist.
Das Gleichnis erschöpft sich nicht darin, uns Gottes heiligen Zorn vor Augen zu stellen. Es zielt auf etwas anderes. Es zielt darauf, uns an etwas unglaublich Wichtiges zu erinnern. An etwas, was wir gerne im Getriebe des Alltags vergessen.
Es will uns daran erinnern, wie viel (unendlich Wertvolles) uns von Gott anvertraut worden ist: anvertraut heißt "geliehen", "nicht auf ewig unser Besitz", denn: "wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wen viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern".
Damit schärft das Gleichnis ein: Alles ist Leihgabe!
Die Luft, die wir atmen; Sonne, Regen, Schnee. Und der Boden, auf dem wir zusammen mit den Pflanzen und Tieren leben. Und das Meer. Und die Menschen, durch die, für die und mit denen wir da sind. Nichts ist unser Eigentum, niemand ist unser Eigentum, Leihgabe alles und alle.

Hier in Andalusien ist diese Erkenntnis Architektur geworden. Die maurischen Baumeister haben nämlich nicht für die Ewigkeit gebaut, sondern im Bewusstsein, dass auf Erden alles vergänglich ist. So steht es in einem Reiseführer, den ich zur Vorbereitung unserer Reise hierher gelesen habe. Und anhand der Alhambra in Granada wird dann aufgezeigt, wie die Bauwerken und Gärten dazu beigetragen haben, das vergängliche Diesseits in voller Schönheit auszukosten. Ja, die Einsicht in die Vergänglichkeit lässt uns bewusster leben. Und wenn wir anerkennen, dass nichts auf ewig unser Besitz ist, dann sind wir freier. Denn: "wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz".

Leihgabe ist auch das eigene Ich. An der Pforte des Todes geben wir es dereinst wieder ab.
Heute am Totensonntag dürfen wir uns sagen lassen: dass uns unendlich Kostbares anvertraut ist, unser eigenes Ich. Der Schweizer Theologe und Dichter Kurt Marti hat das einmal so ausgedrückt:
Ein jedes Ich: einzigartig und sterblich. Genauer gesagt: einzigartig, weil sterblich, vor allem aber: weil sterblich einzigartig kostbar.
So möchte ich gerne das Gleichnis verstehen: Es zielt darauf hin, uns das einzigartig Kostbare unseres Lebens vor Augen zu führen. Es ist Leihgabe. Es ist viel, was uns anvertraut ist und darum wird viel von uns gefordert.

Zu wessen Händen geben wir dem Pförtner Tod unser Ich dereinst ab?
Einhellig die Antwort der Religionen: Zu Händen des Schöpfers, der uns diese Leihgabe anvertraut hat.
Liebe Gemeinde, hier geht es um das große Geheimnis des Glaubens:
Das Geschaffen-Sein des Lebens durch einen Gott, der uns unendlich liebt, genauso wie die Rückkehr zu ihm im Tod.
Wir können dieses Geheimnis nicht wirklich enträtseln, wir können es nicht wissenschaftlich beschreiben.
Doch wir können es ahnen, spüren in der Natur und bestätigt finden in den Worten der Heiligen Schrift.

Und daraus erwächst die "Hoffnung der Christen, dass unser Leben in den Händen Gottes Frieden findet", wie Pastor Peters in seinem Brief an die Angehörigen der in diesem Kirchenjahr Verstorbenen geschrieben hat.

Das Gleichnis aus dem Lukas-Evangelium möchte diese Hoffnung bekräftigen und uns gleichzeitig darin bestärken, die Verantwortung für das uns anvertraute Leben wahrzunehmen: Jeden Tag unseres Lebens, ja jeden Augenblick als einzigartig kostbar aus Gottes Hand anzunehmen. Und jedes andere Leben voll Ehrfurcht als einzigartig kostbar zu achten. Denn wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz!

Wenn ich abschließend noch einmal die Frage stelle, nach der Triebfeder unseres heutigen Predigttextes, dann kann ich bestätigen: Ja, es ist der Zorn, der hier Regie führt. Wie bei Pasolini in seinem Jesusfilm: Triebfeder ist der Zorn, der sich gegen das Verwerfliche im Menschen wendet. Es ist der Zorn gegen alles, was uns hindert, unser Leben als einzigartig kostbar auch zu leben. Und zuletzt ist dieser Zorn der Zorn gegen die Macht des Todes selbst. Die Macht des Todes, die uns immer wieder knebeln will. Die Macht des Todes, die uns den Schatz rauben will.

Diese Macht zu besiegen ist Jesus in die Welt gekommen. An Ostern hat er den Sieg davongetragen. Die Strahlen der Ostersonne künden von diesem Sieg. Sie scheinen hinein in unser Leben. Sie bescheinen auch die Gräber unserer Toten mit Licht der Hoffnung.
Und so leuchten sie uns heute in den Totensonntag hinein und lassen ihn im Glauben zum Ewigkeitssonntag werden.

Amen.


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Zuletzt geändert am 20.11.2011 von: (fp)