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von Prädikantin Gisela Johannes

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Prädikantin Gisela Johannes)

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Predigt am 5. Februar 2012

Rechtes Rühmen

22 So spricht der Herr: Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums.
23 Nein, wer sich rühmen will, rühme sich dessen, dass er Einsicht hat und Mich erkennt, dass er weiß: Ich, der Herr, bin es, der auf der Erde Gnade, Recht und Gerechtigkeit schafft. Denn an solchen Menschen habe Ich Gefallen - Spruch des Herrn.

Jeremias 9, 22-23

Liebe Gemeinde,

Dies ist keine Predigt über den leichtfertig dahin gesagten Satz: "Eigenlob stinkt." Das wäre sicher einem elementaren Missverständnis des vorliegenden Predigttextes geschuldet.

Schon seit Kindergottesdiensttagen habe ich mitbekommen, dass es unter Protestanten nicht angesagt ist, sich zu rühmen. In meiner Konfirmationsbibel gab es Textstellen, die besonders dick gedruckt hervorgehoben wurden. Dazu zählte auch der Beginn unseres Textabschnittes. "Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums." Die nachfolgenden Sätze entsprachen dann optisch dem fortlaufenden Text. Ist jener fettgedruckte Satz als die Kernbotschaft dieses Prophetenwortes zu verstehen, oder ist er ein pädagogisch erhobener Zeigefinger der Redaktion?

Von jeher sind verschiedene kirchliche Ausrichtungen unterschiedlich mit diesem Wort umgegangen. Die einen stellen Weisheit, Stärke und Reichtum sehr bewusst in den Vordergrund, quasi als sichtbaren Segen des Herrn. Die anderen üben sich in Zurückhaltung und Bescheidenheit und erheben diese Haltung zu einer Tugend. Und was wäre zu jenen zu sagen, die weder über Weisheit noch Stärke noch Reichtum verfügen? Sind diese Menschen von der Kritik des Propheten ausgenommen?

Wir merken schon, dieser fettgedruckte Eingangssatz erweist sich als Stolperstein, dem Achtsamkeit geschuldet ist.

Vor 2600 Jahren wurde Jeremia von Gott zum Propheten erwählt. Die Menschen damals fühlten sich durch das, was Jeremia ihnen von Gott zu sagen hatte, belästigt und in ihren Überzeugungen und in ihrem Handeln gestört. Der Prophet galt als unbequem und war verständlicherweise nicht beliebt.

Jeremia selbst hatte seinen Auftrag manchmal als schwer empfunden. Aber immer wieder trat er an die Menschen heran und eröffnete seine Rede mit den Worten: "So spricht der Herr …". Damit wurde klargestellt, dass Gott zu seinem Volk spricht. Das gilt auch für unseren Text.
Will uns der Prophet damit sagen, dass Weisheit, Stärke und Reichtum nicht gottgefällig sind?

Weisheit wird in unserer Gesellschaft als erstrebenswertes Gut betrachtet. Weisheit hat etwas mit Lebenserfahrung, Abgeklärtheit und Wissen zu tun. Auf das Urteil weiser Menschen hört man.
Mit Stärke verbinden wir in erster Linie nicht nur Muskelkraft. Wir sprechen von Führungsstärke, oder wir empfinden Mut, Ausdauer oder Organisationstalent als Stärke einer Person. Es gibt viele Arten von Stärke, aber nicht jedem Menschen ist sie zu Eigen.
Reichtum ist für viele Menschen ein Traum, und höchst erstrebenswert. Heute, in Zeiten undurchschaubarer Finanzmärkte, ist Reichtum eher zu einem Reizwort geworden. Ist er rechtmäßig erworben, ermöglicht er viele positive Handlungsmöglichkeiten, und ist an sich nichts Negatives.

Wenn man nun eine oder vielleicht sogar mehrere dieser Gaben besitzt, so sollte das nicht dazu führen, dass man sich ihrer rühmt, warnt der Prophet. Bedeutet das, dass Gott uns als bescheidene, zurückhaltende Menschen sehen möchte?

In seinem Buch "Die Vermessung der Welt" beschreibt Daniel Kehlmann ein Gespräch zwischen dem jungen Mathematikgenie Gauß und seinem Pfarrer. Dieser ermahnt Gauß nicht überheblich zu sein. Darauf entgegnet ihm das junge Genie: "Gott habe einen geschaffen wie man sei. Dann aber solle man sich ständig dafür entschuldigen. Logisch sei das nicht." Logisch ist das wirklich nicht, aber der Aufruf des Propheten zielt in eine andere Richtung.

Wenn ich die Bibel richtig verstehe, dann soll und darf ich die mir von Gott geschenkten Gaben nutzen, und muss sie nicht verstecken. Aber ich soll mich mit ihnen nicht über meine Mitmenschen erheben. Gott ist Schöpfer aller Menschen. Vor ihm sind alle mit ihren Fähigkeiten und Gaben gleich. Niemand darf sich auf Kosten des anderen erheben, sich selbst groß und den anderen klein machen.

Jeremias Anliegen ist es, uns auf eine größere Macht als die Weisheit, die Stärke und den Reichtum hinzuweisen. "Wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin."
Was ist so faszinierend an diesem Bekenntnis? Gott erkennen, ihn als Ausgangspunkt des eigenen Handelns, unseres Handelns zu wissen, das macht stark und ist die geheime Sehnsucht der Menschen. Ihn als mein "woher" und "wohin" zu begreifen, das macht mich standfest und handlungsorientiert.

Doch wie erkenne ich ihn?
Mit zarten Worten beschreibt es der Apostel Paulus im 2. Korintherbrief (4, 6): "Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, das durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi."
In Jesus erkenne ich Gott. So wie Jesus gehandelt, gesprochen und gedacht hat, so ist Gott. Jemand hat Jesus einmal als das "Schaufenster Gottes" bezeichnet. Schaue ich auf Jesus, dann weiß ich, dass Gott die Liebe ist. Diese Gotteserkenntnis löst mich von dem Kreisen um mich selbst und davon, dass jeder mitbekommen soll, was ich alles kann und möglich mache. Sie ermöglicht mir auf meine Mitmenschen zuzugehen. Daran hat Gott Gefallen.

Ich werde versuchen, mich den Sorgen meiner Mitmenschen zu öffnen, dem Recht zum Durchbruch zu verhelfen und der Gerechtigkeit zu dienen. Manchmal misslingt das vielleicht, oder wir erreichen es nur in Ansätzen. Unseren ernsthaften Versuch wird Gott in großer Liebe begleiten. Seines Wohlgefallens können wir gewiss sein.

Der helle Schein, den Gott in unser Herz gelegt hat, wird uns den Weg weisen.


Amen.



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Zuletzt geändert am 31.01.2012 von: (fp)