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von Prädikantin Ute Veit

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Prädikantin Ute Veit

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Predigt am 1. April 2012

Gott vertrauen wie der Gottesknecht

Jesaja 50, 4-9

Liebe Gemeinde,

Bevor ich Ihnen den Predigttext vorlese, möchte ich eine Geschichte erzählen, die uns zum Text hinführt.
Zwei Freunde gingen einmal in New York spazieren. Sie können sich bestimmt den Straßenlärm der Autos, Busse, Taxis mit ihren Hupen und Sirenen in dieser riesigen Stadt vorstellen. Plötzlich bleibt der eine Freund stehen und sagt: "Ich höre eine Grille." "Unmöglich", meint der andere Freund, "wie kannst du in diesem Lärm eine Grille hören?" Der erste Freund antwortete: "Ich bin ganz sicher." Er lauschte intensiv, überquerte die Strasse und fand in den Büschen auf der anderen Seite tatsächlich eine Grille. Dieser Mann mit den guten Ohren war zufällig ein Ureinwohner Amerikas, ein Indianer. Sein Freund meinte: "Du hast eine übernatürliche Hörfähigkeit."
Aber der Indianer meinte: "Nein, meine Ohren sind nicht außergewöhnlich. Es kommt darauf an, worauf deine Ohren eingestellt sind."
Er nahm ein paar Geldmünzen aus seiner Tasche und ließ sie auf den Buergersteig fallen. Trotz des Straßenlärms gab es Reaktionen bei den Passanten. Viele Menschen drehten innerhalb von 5 Minuten ihre Köpfe oder schauten in ihren Taschen nach. Und der Mann sagte zu seinem Freund: "Siehst du, was du hörst, hängt davon ab, was für dich wichtig ist."
Diese Geschichte erschien mir wie ein Gleichnis für uns alle. Das Wort Gottes ist eine leise Botschaft wie das Zirpen einer Grille im Autolärm.

Auch der Prophet Jesaja hört die leise Botschaft Gottes und gibt sie an das Volk Israel und an uns weiter. Hören wir nun die Verse 4 und 5 aus dem 50. Kapitel:

GOTT, DER HERR, HAT MEINE ZUNGE IN SEINEN DIENST GENOMMEN. ER ZEIGT MIR IMMER NEU, WAS ICH SAGEN SOLL, UM DIE MUEDEN ZU ERMUTIGEN. JEDEN MORGEN LÄSST ER MICH AUFWACHEN MIT DEM VERLANGEN, IHN ZU HOEREN. BEGIERIG HORCHE ICH AUF DAS, WAS ER MIR ZU SAGEN HAT. ER HAT MICH BEREIT GEMACHT, AUF IHN ZU HOEREN UND DAS GEHOERTE WEITERZUSAGEN. ICH HABE MICH NICHT GESTRUBT UND BIN VOR KEINEM AUFTRAG ZURUECKGESCHEUT.

Der Prophet Jesaja beschreibt hier seine ganz innige Beziehung zu Gott. Er redet mit ihm wie mit einem Freund. Von ihm wird er morgens geweckt und nicht von den Sorgen des Tages.
Teresa von Avila, die große spanische Mystikerin, sagte: "Inneres Beten ist eigentlich nichts anderes als Reden mit einem Freund, mit dem man oft und gern zusammen ist."
Das Gespräch mit Gott lässt Vertrauen wachsen: Es wird schon irgendwie weitergehen -vielleicht anders als ich es mir wünsche. Aber Gott wird mir die Kraft geben, die ich brauche.

Aber hören wir nun, was der Prophet Jesaja im Vers 6 sagt:

ICH HABE MEINEN RUECKEN HINGEHALTEN, WENN SIE MICH SCHLUGEN, UND MEIN KINN, WENN SIE MIR DIE BARTHAARE AUSRISSEN. ICH HABE MICH VON IHNEN BESCHIMPFEN LASSEN UND MEIN GESICHT NICHT BEDECKT, WENN SIE MICH ANSPUCKTEN.

Dieser ganze Text des Propheten Jesaja gehört zu den Liedern vom Gottesknecht. Wer ist mit dem Gottesknecht gemeint? War es der Prophet selber? War es das Volk Israel, das damals in der babylonischen Gefangenschaft sehr leiden musste?

Die Ähnlichkeit zwischen dem leidenden "Gottesknecht" und der Qual und den Folterungen, die Jesus am Karfreitag erdulden musste, ist so stark, dass die Evangelisten diesen Text ganz natürlich auf Jesus bezogen haben. Nachdem Jesus verhaftet wurde, erfüllte sich dieser Jesajatext an ihm. Im Markusevangelium wird vom Verhör Jesu berichtet. "Da fingen einige an, ihn anzuspeien und ihn mit Fäusten zu schlagen und ihn zu verspotten." Jesus hat dieses Unrecht ganz ruhig ertragen.

Jetzt in der Karwoche, in der "Semana Santa", die mit dem heutigen Palmsonntag beginnt, denken wir besonders an das Leiden Jesu. Jesus, der Gottesknecht, ruft am Kreuz: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? So tief hinunter musste der Gottesknecht, dass er sich sogar von Gott verlassen fühlte. Das Kreuz ist ja nicht leer, sondern Jesus hängt gequält am Kreuz. Ist uns eigentlich bewusst, was er für uns getan hat? Er ist für unsre Schuld gestorben.

Auch heute gibt es in der Welt viele Menschen, die gequält oder gefoltert werden, wenn wir nur an die Menschen in Syrien denken. Viele Menschen leiden unter Traurigkeit, Einsamkeit oder Krankheiten.
Ja, und hier in der Residencia machen sich viele Sorgen und können nachts nicht schlafen, weil sie nicht wissen, wie ihr Leben weitergehen soll.
Aber Jesus, der das Leiden kennt, steht an unsrer Seite als unser Bruder, wenn er sagt: "Kommt her zu mir alle, die Ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken."

So ist die Karwoche nur der Weg, der uns zum Höhepunkt unsres christlichen Glaubens führt, nämlich zur Auferstehung Jesu und zur Osterfreude. In den Versen 7-9 will uns der auch der Prophet Jesaja Mut und Trost zusprechen:

SIE MEINEN: ICH HAETTE MEIN UNRECHT EINGESTANDEN. ABER GOTT, DER HERR, STEHT AUF MEINER SEITE. DESHALB MACHE ICH MEIN GESICHT HART WIE EINEN KIESELSTEIN UND HALTE ALLES AUS. ICH WEISS, DASS ICH NICHT UNTERLIEGEN WERDE. ICH HABE EINEN HELFER, DER MEINE UNSCHULD BEWEISEN WIRD. ER IST SCHON UNTERWEGS. WER WAGT ES, MICH ANZUKLAGEN? ER SOLL KOMMEN! GOTT, DER HERR, TRITT FUER MICH EIN. WER WILL MICH DA VERURTEILEN? ALLE, DIE MICH BESCHULDIGEN, MUESSEN UMKOMMEN. SIE VERGEHEN WIE EIN KLEID, DAS ZERFAELLT, WEIL ES VON MOTTEN ZERFRESSEN WIRD.

Da wird eine Stärke beschrieben, die nur aus Gott kommen kann. Wir brauchen also im Leid und Kummer nicht die großen Helden zu spielen. Wir müssen nicht immer gut drauf sein. Es ist ungeheuer befreiend, sich fallen zu lassen, sich einzugestehend, ich bin geprügelt. So fühle ich mich auch; ich muss das nicht verstecken. So wird aus dem Geprügeltsein kein Loch, keine Depression.
Wie dürfen glauben: Gott, der Herr, tritt für uns ein. Wer wagt es da, uns anzuklagen oder uns schlecht zu behandeln?

Das sind selbstbewusste Worte. So spricht einer, der Unrecht bekämpft; einer, der das, was sich ändern lässt, auch ändert. Aber es hängt alles davon ab, wer Gott für uns ist, wie wir mit Gott leben.
Ein "Gottesknecht" ist nicht jemand, der von Gott unterdrückt, "ge-knechtet" wird. Ein "Knecht" gehörte zur Zeit Jesajas zur Familie. Ein Knecht Gottes sieht Gott als seinen Vertrauten wie in einer Familie. Jesus ist noch einen Schritt weitergegangen, denn er hat uns "KINDER GOTTES" genannt und wir dürfen Gott "Vater - Abba - Papa" nennen. Es geht um die Nähe zu Gott.

Jesus fordert uns auf: "Sprecht ganz familiär, ganz freundschaftlich mit Gott; denn er ist nicht jemand, vor dem man Angst haben muss. Seine Liebe ist immer größer als sein Zorn. Er will, dass es euch gut geht. Mit diesem Vertrauen wacht morgens auf und schlaft abends ein!

So wollen wir beten: Herr, wir sind in deiner guten Hand. Uns kann nichts geschehen. Wir danken dir.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen




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Zuletzt geändert am 09.04.2012 von: (fp)