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 <>< Predigt zu Karfreitag
von Pfarrer Friedhelm Peters,
Costa del Sol

(Rückmeldung oder Frage an
Pastor Friedhelm Peters)

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Gottesdienst am 6. April 2012, Karfreitag

gekreuzigt, gestorben und begraben

15 Und darum ist ER der Mittler eines neuen Bundes; Sein Tod hat die Erlösung von den im ersten Bund begangenen Übertretungen bewirkt, damit die Berufenen das verheißene ewige Erbe erhalten.
26b Jetzt aber ist ER am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen.
27 Und wie es dem Menschen bestimmt ist, ein einziges Mal zu sterben, worauf dann das Gericht folgt,
28 so wurde auch Christus ein einziges Mal geopfert, um die Sünden vieler hinweg zu nehmen; beim zweiten Mal wird ER nicht wegen der Sünde erscheinen, sondern um die zu retten, die Ihn erwarten.


Hebräer 9, 15.26b-28

Gelbe Kreuzigung, Marc Chagall, 1943 Gelbe Kreuzigung, Marc Chagall, 1943

Während der nationalsozialistischen Judenverfolgung malt der jüdische Maler Marc Chagall eine Reihe von Bildern, in deren Zentrum der gekreuzigte Christus steht.

Das vielleicht erstaunlichste davon ist die "Gelbe Kreuzigung" mit ihrem Nebeneinander von Kreuz und Thorarolle.







Vieles von dem, was in der Zeit seitdem als Ansätze eines neuen Verhältnisses von Christen und Juden Gestalt gewonnen hat, was aber auch als Verheißung und Aufgabe noch vor uns steht, wird hier künstlerisch vorweggenommen.

Liebe Gemeinde!

1.1 Kruzifix und Thorarolle, beides nebeneinander. Das Zeichen der Christen, das Herz des Juden, beides miteinander verbunden. Das passt nicht in die Geschichte von Christen und Juden, nicht in die Distanz, wenn nicht sogar Feindschaft, die Christliches und Jüdisches trennte. Jahrhunderte lange Judenverfolgung wurden im Namen des Gekreuzigten begangen. Man meinte, sich im Namen des Gekreuzigten dabei im Recht zu fühlen. Neben versöhnlichen Zeiten ist die Geschichte Spaniens auch davon erfüllt.

1.2 Schluss mit der Feindschaft zwischen Judentum und Christentum. Schluss mit dem Kampf der Religionen. So mahnt dieses Bild. Und es malt einen Christus vor unsere Augen, der versöhnt.

1.3 Es ist erstaunlich, dass diese Botschaft nicht von Christen, sondern von dem jüdischen Maler Marc Chagall kommt, dass ein Jude die Friedensbotschaft Jesu malt. Und es ist erstaunlich, dass ein Verfolgter, ein Opfer der nationalsozialistischen Zeit, dieses Versöhnungsbild malt. Und es ist auch erstaunlich, dass er als Jude damit für uns Christen kommentiert, was in dem judenchristlichen Schreiben des Hebräerbriefes, dem heutigen Predigttext, gesagt wird: geopfert um die Sünde vieler hinweg zu nehmen (28).

1.4 Schauen wir uns dieses ungewöhnliche Kreuzigungsbild an. Und verstehen wir, wie uns vor Augen gemalt wird, was der Herr am Kreuz für uns tut.


2.1 Golgatha ist hier die Gegenwart des Jahres 1943, mitten im Krieg. Hintergrund und Rahmen bilden das brennende Europa des zweiten Weltkrieges. Flüchtlingsströme hinten rechts, ertrinkende Menschen hinten links vor einem untergehenden Schiff. Frau und Mann erinnern an die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies.
Vorne in der Mitte auf einem Esel eine flüchtende Familie. Die Augen des Kindes sind vor Schreck aufgerissen, ebenso die des Tieres. Die Gedanken gehen an Maria und Josef auf der Flucht nach Ägypten.
Hinten rechts brennende Häuser eines typischen osteuropäischen Dorfes, der Chagall entstammt.

2.2 Eine Welt der Vernichtung. Das ist Golgatha. Dort steht Jesu Kreuz. Über dieser Not breitet Jesus seine Arme aus. Diese Welt hat ER auf sich genommen. Das ist die Sünde der vielen, von der der Hebräerbrief spricht. Diese Not hat Gott nicht übersehen, sondern Seinen Sohn in sie hinein gegeben, damals, heute und immer wieder neu, wo Menschen versagen und der Teufel regiert.
In jedem Kreuz ist der Gekreuzigte bis heute gegenwärtig. Das ist die erste Botschaft dieses Bildes.

2.3 Nehmen wir dies als Wegweiser für die Nöte unserer Zeit, für die Nöte der Nachbarn, für die Nöte des eigenen Lebens. Der Herr ist da, gerade mittendrin steht auch für uns Sein Kreuz.


3.1 Schauen wir uns als nächstes dies Kreuz an.

3.2 Christus der heilige Gottes. Sehen Sie die Darstellung Seines Kopfes. ER trägt einen Heiligenschein.

3.3 Christus das Opferlamm. Sein Kreuz ist aufgerichtet in den Flammen. Ein Brandopfer, ein Holocaust.

3.4 Christus die Himmelsleiter. Die Leiter, eigentlich das Zeichen der Folterinstrumente mit Hammer und Nägeln. Hier steht sie wie eine Verbindung von Jesu Füßen zu dem Engel am Himmel. Die neue Verbindung. Wie Gott damals Jakob im alten Bund zeigt, dass Seine Engel auf und nieder stiegen, so hat Gott durch den Gekreuzigten eine neue Verbindung zwischen Himmel und Erde geschaffen.

3.5 Liebe und Vergebung Gottes kommen herab, eine Botschaft, die der Engel mit der Posaune in der Rechten und dem Licht in der Linken darstellt. Versöhnung für eine zerstörte Welt. Und umgekehrt, der Weg zu Gott ist frei.

3.6 Auch in unserer Welt der Vernichtung gibt es eine Leiter zu IHM. Das Kreuz Jesu nimmt hinweg die Sünde der vielen, sagt der Hebräerbrief. Das ist die Botschaft, von der Christen leben. Wir haben einen Herrn, der uns immer wieder den Weg frei macht zum Thron Gottes. Mitten in unserer Not ist ER da. Am Kreuz stirbt ER. ER nimmt Verlorenheit auf sich, damit wir davon befreit sind. Sein Opfer gab ER für uns.

3.7 Wer das annimmt, der sagt: Du Heiliger Gottes. Er sieht den Heiligenschein. Und er sagt: Du, mein Schatz, meine Heiligkeit. Du Herr, bist meine Himmelsleiter. Durch Dich komme ich zu Gott.


4.1 Als Letztes noch einmal zur zentralen Mitte unseres Bildes.
Es ist wirklich ein jüdischer Christus, der am Kreuz hängt. Um seine Hüften ist das Leinentuch geschlagen in der traditionellen Farbe des Gebetsschals, des Tallith.
An seinem linken Arm, von uns aus rechts, erkennen wir die Gebetsriemen. Um seine Stirn ist die Lederkapsel, die Tefillin, gebunden mit dem Inhalt aus 5. Mose 6, 4: Höre Israel, Dein Gott ist Einer. Und außer Ihm ist keiner. Das Schema Israel ist das erste Gebet des jüdischen Glaubens.
Und dann wie in der rechten Hand des Herrn die geöffnete Thorarolle. Als ob ER sie am Kreuz tragen würde. Kein Buchstabe des Gesetzes wird hinfallen, so hatte Jesus in der Bergpredigt gesagt (Matt 5, 17ff).

4.2 Seine ausgebreiteten Arme scheinen die Thorarolle zu umschließen. Was bedeutet dieses Zeichen bei der Darstellung unseres Herrn?

4.3 Was der Herr umschließt, das können Seine Kinder nicht verstoßen. Antisemitismus als Ablehnung jüdischen Glaubens hat vor dem Herrn keinen Platz. Und in Seiner Kirche auch nicht.

4.4 Jesu Versöhnung beendet allen Kampf und Streit der Religionen.
Der neue Bund ist nicht der Feind des alten. Ohne den Gott des alten Bundes gäbe es keine Botschaft der Liebe vom neuen Bund.
Das Kreuz ist nicht der Start zum Kreuzzug.

4.5 Am Kreuz stirbt alle Feindschaft.
Die Feindschaft zwischen Himmel und Erde. Gott wird mein Vater, ich Sein Kind um Jesu Opfer willen.
Die Feindschaften in meinem Leben. Sie brauchen mich nicht mehr binden. Ich kann sie lassen. Es reicht, Unterschiede zu erleiden. Vergebung löscht die Verzweiflung, die jeder Feindschaft inne wohnt.
Auch die Feindschaft von Judentum und Christentum endet in Jesus. Der Herr ist unser Friede, wie Paulus es dann später sagt. Wie sollten wir das verachten, was Jesus selbst ist: Jude.

4.6 Auch wenn das Judentum nicht Jesus als den Messias sieht, auch wenn sie IHN nicht als den Kommenden erwarten wie der Hebräerbrief es schreibt - erwarten wir IHN als Seine Kirche, auch wenn die Unterschiede bleiben, so ist doch unverkennbar selbst für den Juden Chagall, dass ER Versöhnung bringt.

4.7 Muss uns Christen das Bild des jüdischen Malers Marc Chagall daran erinnern? Haben wir es selbst zu wenig erlebt und gelebt? Haben wir mit genügendem Respekt den Glauben anderer geachtet? Haben wir selbst in der Versöhnung unseres Herrn unser Leben verankert? Leben wir von der Himmelsleiter, der neuen Verbindung zum Herrn?


5.1 Mit diesen Fragen entlässt uns das Bild "Die gelbe Kreuzigung".
Gelb? Angesichts von Krieg und Unmenschlichkeit aller Art ist das wohl unsere Zukunft, unsere Sonne wenn sie aufgeht in ihrer Pracht und Herrlichkeit.


Amen.


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Zuletzt geändert am 13.03.2012 von: (fp)