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von Prädikantin Gisela Johannes

(Rückmeldung oder Frage an
Prädikantin Gisela Johannes)

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Predigt am 22. April 2012

Rechtes Vorbild sein

1 Eure Ältesten ermahne ich, da ich ein Ältester bin wie sie und ein Zeuge der Leiden Christi und auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird:
2 Sorgt als Hirten für die euch anvertraute Herde Gottes, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern aus Neigung;
3 seid nicht Beherrscher eurer Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde! 4 Wenn dann der oberste Hirt erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.

1. Petrus 5, 1-4

Liebe Gemeinde,

Heillos zerstritten war jene Berliner Gemeinde, die vor einigen Jahren die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zog. Gar nichts mehr war dort zusammen zu bringen. In verschieden Gruppierungen traten die Gemeindemitglieder gegen einander an. Der Riss war tief. Die Gräben des Misstrauens waren unüberwindbar. Dass ein Konflikt derartig eskaliert, ist ein großer Schmerz und zum Glück eine Ausnahme. Denn: Die christliche Gemeinde versammelt sich um ihren Herrn, Jesus Christus. Zumindest sollte es so sein. Wie kommt es dann, dass an seine Stelle der Unfriede in den Mittelpunkt tritt?

Die Bibel ist ein unglaublich praktisches und lebensnahes Buch. Der heutige Predigttext setzt sich mit dem Gemeindeleben auseinander. Der Verfasser des 1. Petrusbriefes muss ein guter Menschenkenner gewesen sein. Er weiß, dass menschliches Verhalten nicht selbstlos ist. Egoismus, Erwartungen und feste Vorstellungen prägen uns.

Damals, als deutlich wurde, dass die unmittelbare Wiederkunft Christi nicht bevorstand, formierten sich viele junge Gemeinden. Eine Gemeinschaft, so klein sie auch sein mag, tut gut daran, sich Regeln und Strukturen zu geben, die alle als für sich verbindlich erachten.

Genau hier setzt der Autor unseres Textes an. Die Gemeindeführung ist sein Thema. Dazu gibt er konkrete Hinweise. Wendet er sich damit an einen kleinen, auserwählten Kreis? An die, die Verantwortung tragen und Leitungsfunktionen ausüben?

Und wir, die wir nicht leiten und führen, können wir uns zurücklehnen, nach dem Motto "betrifft uns nicht"? Wer ist der Adressat des Briefes?

Direkt angesprochen werden die sogenannten "Ältesten" einer Gemeinde. Mit dem biologischen Alter hat das nichts zu tun. Es gibt unter uns zum Teil sehr junge "Älteste". Gemeint ist hier der Kirchenvorstand, anderenorts auch Presbyterium genannt. Also die Menschen, die von einer Gemeindeversammlung, d.h. von uns Mitgliedern mit speziellen Aufgaben betraut werden.

Meiner Meinung nach ist dieser Kreis sehr viel weiter zu ziehen. Angefangen beim Pfarrer, über die Kindergottesdiensthelfer, den Betreuern der Seniorenkreise, Prädikanten und allen anderen, ist das eine stattliche Anzahl von Brüdern und Schwestern, die sich in das Gemeindeleben einbringen. Sie alle üben ihre Aufgaben für eine bestimmte Zeit aus, und können von anderen Gemeindemitgliedern abgelöst werden. Aus der "Gemeinschaft der Heiligen" die wir alle bilden, könnte jeder zu einem Ältesten werden.

Wie diese verschiedenen Tätigkeiten ausgeübt werden sollten, darüber hat der Verfasser des Briefes klare Vorstellungen. Er greift dabei auf ein Bild zurück, das damals allen vertraut war. "Leitet die Gemeinde, die Herde Gottes, die euch anvertraut ist, als rechte Hirten".

Ein archaisches Bild, das in vielen Regionen unserer Erde noch immer gegenwärtig ist, wenn wir z.B. an die Nomaden und ihre Herden denken. In den Industrienationen ist der Hirte mit seiner Herde freilich ein seltener Anblick geworden.

An vielen Stellen der Bibel finden wir diesen Vergleich wieder. "Der Herr ist mein Hirte" so beginnt Psalm 23. Seit mehr als 2000 Jahren ist dieser Psalm das meistgeliebte und einprägsamste Lied der Bibel. Und auch Jesus vergleicht sich mit dem guten Hirten. Der heutige Wochenspruch aus dem Johannesevangelium weist darauf hin.
Heute haben viele Menschen mit dieser Metapher ein Problem. Nicht mehr zeitgemäß sei es. Schafe sind angeblich dumm und willenlos, und die Rolle des Hirten gilt als unangemessen autoritär. Wir sind keine "dummen Schafe". Und eigentlich wollen wir auch nicht, dass andere uns sagen, wo es entlang geht.

Es mag dahingestellt bleiben, treffendere, aktuellere Bilder zu finden. Aber das Thema "Führung" an sich ist so aktuell wie eh und je. Leitung, Führung in einem Unternehmen. Führung in der Politik. Mehrere Berufsgruppen beschäftigen sich sogar mit sogenannten Führungsseminaren. Dort werden die psychologischen Voraussetzungen, unterschiedliche Führungsstile, analysiert, vermittelt und trainiert. Das Thema Führung ist alt.

Die christliche Gemeinde bezieht sich auf Jesus als ihren Hirten, der sie leitet. Er ist es, der uns den richtigen Weg weist, der immer für uns da ist, und stets neu um unser Vertrauen wirbt.

Überträgt man dieses Bild auf die Gemeinde, stellt sich die Frage, ob Menschen in diesem Sinne überhaupt Hirten sein können. Menschen haben Grenzen, machen Fehler. Gott weiß um die hilflosen Hirten, die Zweifel über den richtigen Weg haben. Und manchmal wird jemand die übernommene Verantwortung nicht mehr tragen können. Dann bleibt nur das Gebet, das Gespräch mit Gott, die Bitte um Klarheit. Er hört, und wenn wir uns ihm öffnen und hören, ordnet sich vieles.

Drei Grundgedanken, wie eine Führungsposition ausgeübt werden sollte, spricht der Verfasser unseres Textes an:

1. Kümmert euch, interessiert euch für eure Brüder und Schwestern in der Gemeinde. Seid eures Bruders Hüter, und seht und hört hin was sie beschäftigt. Seid nicht gleichgültig. Und jeder tue das entsprechend den eigenen Fähigkeiten. Das kann in der Verwaltung, bei den Finanzen, im sozialen Bereich oder bei der Gestaltung der Gottesdienste sein. Gott gefällt es, wenn wir uns freiwillig einbringen. Er verleiht keine Ämter, sondern: Er ruft in die Verantwortung.

2. Nicht um den eigenen Vorteil und Gewinn darf es dabei gehen. Von "Herzensgrund" soll diese Tätigkeit ausgeübt werden. " Herzensgrund", das klingt ähnlich wie Herzblut, wie Herzensliebe. Dort, von diesem Punkt aus, wo wir zutiefst angerührt sind, geht es um ein vertrauensvolles Miteinander, um Offenheit, um den einfühlsamen Blick auf den Nächsten. Herzensmenschen schaffen Vertrauen untereinander. So wird es möglich eine Ordnung zu finden die allen dient, allen Schwierigkeiten zum Trotz.

3. Die Ältesten sollen ein Vorbild sein. Leitung durch Vorbild. Das ist einfacher gefordert als getan. Auch wenn die Ältesten besondere Aufgaben wahrnehmen, bleiben sie doch Teil der ganzen Gemeinde. Und die orientiert sich an Christus, ihrem Hirten. Er hat uns vorgelebt, wie wir miteinander umgehen sollen, in großer Liebe. Diese befähigt zu einem konstruktiven Miteinander. Das Evangelium bietet die Basis für dieses Handeln. Der Geist Gottes beflügelt uns, vom Grunde unseres Herzens Jesus nachzufolgen.

Auch dann wenn es, wie eingangs erwähnt, manchmal sehr schwierig wird. Über allem steht entsprechend dem Namen des heutigen Sonntags, Miserikordias Domini, das herzliche Erbarmen des Herrn.


Amen.



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Zuletzt geändert am 13.03.2012 von: (fp)